Die Natur als unbelebt, also bloßes Objekt zu verstehen, ist die Ursache für zerstörerisches Tun. Für Andreas Weber sind Flüsse, Bäume und Vögel Leben, das fühlt. Im Sinn eines modernen Panpsychismus sollten wir das Leben schützen.
Wenn ich im Frühling in meinen Wald gehe, der gleich hinter dem S-Bahnhof beginnt, halte ich zwischen den ersten hellgrün blühenden Ahornbäumen inne. Durch das Laub am Boden ist der Lerchensporn hervorgebrochen und bildet blassviolette Seen aus Licht. Ich bitte den Wald um ein Willkommen, ersuche ihn darum, dass er mir Lebendigkeit schenke, und verspreche im Gegenzug, all meine Kräfte für das Leben einzusetzen.
Wenn ich allein bin, spreche ich meine Bitte laut aus. Begleitet mich ein Bekannter, bleibe ich oft bloß still am Eingang in der Halle der Stämme stehen. Vor ein paar Tagen unternahm ich diesen Gang mit jemandem, der laut darüber nachdachte, wie unsere Kultur die Rechte der Natur berücksichtigen könne. Es sprudelte aus meinem Begleiter nur so heraus. Meine Pause am Übergang zum Reich der Bäume und des Lerchensporns machte ihn ungeduldig.
Während ich schwieg und er auch schweigen musste, bewegten sich die Spitzen der schlanken Ahornbäume in einem unsichtbaren Luftzug, baten zu einem langsamen Tanz im sinkenden Licht des Abends, in einem Himmel aus Blassblau und Violett, begleitet von fast unhörbarem Rauschen, wie ein Echo vom Ozean der Welt.
Nachdem wir eingetreten waren, begann das Gespräch erneut – nur um bald wieder unterbrochen zu werden. Ein Habicht gackerte seinen Begrüßungsruf, irgendwo linker Hand aus den hohen Eichenspitzen, verborgen von frischem Laub und knorrigem Geäst. Es war ein Männchen – deutlich kleiner als seine Partnerin. Wir sahen es schemenhaft durch die Bäume, wenn der Vogel kreischend seine Warte wechselte. Das Brutpaar zieht seit Jahren hier in seinem Horst in einer Hunderte Jahre alten Eiche seinen Nachwuchs flügge.
Oft, wenn ich den Wald betrete, folgt mir der Habicht wie ein Geist, ruft unsichtbar von einem nahem Ast, lässt an Sonnentagen plötzlich seinen Flugschatten über mich hinweggleiten, um mir zu zeigen: Ich sehe dich, auch wenn du mich nicht bemerkst, ich weiß, wo du bist.
Unser Gespräch – oder vielmehr der Monolog meines Begleiters und meine eher einsilbigen Antworten – wurde durch den Greifvogel immer wieder unterbrochen. Während der Mensch an meiner Seite philosophische Systeme daraufhin abklopfte, welche rationalen Argumente sie ihm für seine Anstrengung um die Rechte der Natur geben könnten, schrie ebendiese Natur in Gestalt eines wilden Habichts, folgte uns durch die Äste, überholte uns, setzte sich erneut auf einen Baum und rief wieder ihren Habichtsruf, der wie ein psychedelisches Lachen klang.
Wir verleugnen unser Fühlen und finden eine Welt ohne Lebendigkeit.
Wir verleugnen unser Fühlen.
Während ich meinem Begleiter wortkarg antwortete, antwortete ihm die Natur selbst. Aber er wusste es nicht. Er rang weiter nach Beschreibungen und Referenzen. Dabei brauchten wir nur zu horchen. Wir mussten nur unsere menschliche Stimme verstummen lassen, die Erklärungen und Konzepte hat, und lauschen. Wir mussten nur einsehen, dass wir es nicht besser wissen als der Habicht, der Ahorn, der Lerchensporn, der blauviolette Himmel des Aprilabends, den langsam die Leere der herannahenden Nacht aufsog.
Für uns Angehörige einer Kultur, die das Unbelebte zum Maß der Dinge gemacht hat, ist es schwer, zu lauschen, unser vorgebliches Wissen einmal abzulegen. Wir scheuen uns, einfach nur da zu sein, zu atmen, mit unseren Sinnen aufzunehmen, was ist. Wir zögern, uns unserer Gefühle gewahr zu werden, für die nichts je nur ein Ding ist, sondern immer alles Bedeutung. Ein Habichtruf unter dem Abendhimmel des Frühlings, das ist eine Szenerie mit vielen Gefühlen und Stimmungen.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 128: „Verbundenheit"
Die meisten von uns fühlen diese Gefühle auch – ja, darum gehen wir an Frühlingsabenden unter Bäume, in den Park, öffnen die Fensterflügel der Stadtwohnung hinter den Lindenästen, damit die melodischen Kaskaden der Amsel ins Zimmer dringen können. Aber wenn wir über das, woran wir gerade teilhaben, sprechen sollen, erstarren wir. Wir verleugnen unser Fühlen. Wir suchen nach Konzepten, Argumenten, Beweisen – und finden nur Totes: Dinge, Atome, Materie, Optimierung, Effizienzsteigerung, Fortschritt, Dominanz. Wir finden eine Welt ohne Lebendigkeit.
Angehörige traditioneller Gesellschaften – Indigene, Mitglieder animistischer Kulturen – sehen dieses westliche Verlorensein mit Entsetzen, Mitleid und Verwunderung. Mit Entsetzen, weil animistische Gesellschaften darunter leiden, als bloße Dinge angesehen und mit der Natur, in der sie leben, vernichtet zu werden. Mit Mitleid, weil sie sehen, dass der Seelenzustand, der die Welt als reine Verdinglichung wahrnimmt und sich selbst allein und isoliert als vielleicht einzige seelische Realität in dieser Wüste, ein Leidenszustand ist. Und mit Verwunderung, weil sie wissen, wie leicht es wäre, aus dieser Verblendung in die Gesellschaft des Seins zu erwachen, in der nichts tot ist, in der alles miteinander in einem unüberschaubaren Ganzen das gleiche Leben atmet.
Wachsendes Interesse an indigenen Kulturen
Auch für jene im Westen, die sich von der rein materiellen Weltsicht, die die tonangebenden Institutionen von Politik, Bildung und Kultur verbreiten, abgeschnitten fühlen, ist die Situation verzweifelt. Aber sie ist nicht hoffnungslos. Obwohl wir uns inmitten der sechsten Welle des Aussterbens der Arten befinden, entdeckt unsere Epoche das Leben wieder – und zwar vor allem unter drei Gesichtspunkten, die drei unterschiedliche Aspekte der gleichen Wirklichkeit beleuchten.
Da ist zum einen das erwachende Interesse daran, wie indigene Kulturen mit anderen Wesen umgehen. Lange blickten Europäer auf deren Animismus als eine Art naiven Spukglauben herab, der alle Dinge von Geistern bewohnt sah. Heute dämmert langsam, dass sich Menschen animistischer Kulturen überhaupt nicht von Dingen umgeben sehen, sondern eine Welt voller Lebewesen bewohnen. Von diesen ist nur eine Minderheit menschlich.
Aber alle – menschliche und „anders-als-menschliche“ Personen – erfahren das Leben so wie wir – nämlich als fühlende, empfindsame, ausdrucksvolle Innenseite. Wir können also mit allen Wesen Fühlung aufnehmen – und wir sind aufgerufen, deren subjektive Welten genauso sorgfältig zu schützen wie unsere eigenen. Aus einer animistischen Perspektive ist daher Demut, Bescheidenheit und Fürsorglichkeit gefragt – für Wesen, die anders als die menschlichen sind, für die wir zu sorgen haben wie Kinder für ihre Eltern.
Zum zweiten bringt eine solche Haltung eine Flut von neuem Wissen aus der Biologie hervor. War es bis vor einem Jahrzehnt verpönt, auch nur die Frage zu stellen, ob nicht menschliche Organismen innere Erfahrungen machen, können wir heute eine Fülle empirischer Daten hervorholen und belegen, dass auch die scheinbar einfachsten Wesen in seelischen Welten leben.
Aussagen über das geheime Leben der Pflanzen – den Wald, in dem „Mutter-Bäume“ über ihre Wurzeln Nährstoffe altruistisch an jüngere verteilen – sind da nur die populärsten Formen. Heute können wir annehmen, dass selbst Bienen Freude oder Verstimmung erfahren und dass millimeterkleine Springspinnen REM-Träume haben wie wir, und damit auch die dazugehörigen Traumerfahrungen. Der Ahorn, der Lerchensporn, der Habicht – alles Wesen mit der inneren Empfindung, ein Selbst zu sein genau wie ich.
Der Panpsychismus sieht die Natur als beseelt an
Zum dritten ist bemerkenswert, dass sich der verbreitende neue Animismus mit den alten Weisheitstraditionen aus dem Osten – mit Buddhismus, mit spirituellen Wegen des Hinduismus, mit der Sufi-Mystik – teilweise deckt. Zwar hat „Natur“ in den einzelnen spirituellen Lehren einen sehr unterschiedlichen Status. Sie kann als ganz und gar heilig, von Göttern und Geistern bewohnt wie in der tibetischen Bön-Spiritualität oder im japanischen Shintoismus aufgefasst sein. Oder aber sie wird untergeordnet und dem Menschen dienend behandelt wie in der islamischen Sufi-Mystik. Nie aber ist sie reines Objekt. Immer ist sie ganz und gar Seele.
All diese Sichtweisen – des Animismus indigener Kulturen (und der vorchristlichen Bewohner Europas), der Biologie als Wissenschaft fühlender Subjekte und der spirituellen Erfahrung, einem beseelten Kosmos anzugehören – finden sich in einer Grundhaltung, die die Philosophen als „Panpsychismus“ bezeichnen. „Überall-Beseeltheit“ ist die Übersetzung dieses aus dem Altgriechischen zusammengesetzten Begriffs. Auf den Punkt gebracht bedeutet er, dass sich alles Stoffliche immer auch zugleich als Innenseite erfährt – so wie wir uns selbst, den Stoff unseres Körpers, innerlich als Selbst erfahren.
Materie ist dann die erfahrene, fühlende seelische Dimension eines unendlichen Wesens, das sich in allen seinen Ausfaltungen – in Geschöpfen wie uns Menschen und dem Lerchensporn, in Prozessen und Entfaltungsgeschichten wie dem Kohlenstoffzyklus, dem geteilten Atem des Planeten, in Naturformationen wie Gebirgen und Ozeanen – beständig erfährt. Nichts ist ohne seelische Dimension – und darum ist jeder Akt der Existenz auch beständige Kommunikation, ja sogar Kommunion, ein dauerndes Einander-Treffen, Einander-Begrüßen und Durcheinander-Erfahren.
Philosophisch war der Panpsychismus für mindestens einhundert Jahre ein Schimpfwort. Wer an die Beseeltheit von allem glaubte, konnte seine Träume von einer Professur gleich nach dem Studium an den Nagel hängen. Das ist heute etwas anders. Panpsychist zu sein, gilt zunehmend weniger als K.-o.-Kriterium im Beruf, sondern vielmehr als inspirierend und sympathisch-nerdig. Immerhin ist hier die Kluft zwischen Leib und Seele, die den Westen spätestens seit dem griechischen Philosophen Platon quält und die von der Kirche zum Dogma erhoben wurde, endlich verschwunden. Im Panpsychismus lösen sich die großen Widersprüche der abendländischen Philosophie auf. Ihre quälende Binarität, ihr sogenannter Dualismus, ist passé.
Wenn alles immer auch Seele ist, stellt das Auftreten des Psychischen kein logisches Problem dar, sondern ist vielmehr geradezu zwangsläufig. Dann spricht auch nichts mehr dagegen, dass mich am Waldrand ein Habicht begrüßt, nachdem ich um freundliches Willkommen gebeten habe. Dann ist es kein Widerspruch, dass mein Glück bei dieser Begrüßung zugleich das Glück der anderen Mitglieder der Gesellschaft des Seins ist, in die ich unter den Bäumen eintrete. Und ist nicht dieses Glück sogar der Kern unserer – auch und immer noch der westlichen – Naturerfahrung?
Dann müsste man diese innerste Dimension der Natur als das Erlebnis beschreiben, in einem Raum der Seele empfangen zu werden. Bäume und Blumen, Vögel und Himmel laden uns in eine fundamentale Schicht der Wirklichkeit ein. Dieser Schicht – der Basis – geht es allein darum, Leben zu spenden, uns und allen. Sie begrüßt uns, damit wir mit ihr gemeinsame Sachen machen – nämlich so handeln, dass wir das Leben nähren.
Illustration © Ursache\Wirkung



