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Achtsamkeit & Meditation

Die Orthodoxie ist neben dem Katholizismus und dem Protestantismus eine der drei großen christlichen Konfessionen. Was glauben orthodoxe Christen und wie gestaltet das ihr Leben? Ein Einblick in den orthodoxen Glauben in Belgrad.

Ende des 12. Jahrhunderts konsolidierte der serbische Herrscher Stefan Nemanja den orthodoxen Glauben in seinem Reich und ließ das Kloster Studenica, heute UNESCO-Weltkulturerbe, in Südwest Serbien bauen.

Nachdem das Kloster als spirituelles Zentrum errichtet worden war, zog sich Nemanja als Mönch auf den Berg Athos zurück. Sein zweiter Sohn Sava übernahm die religiöse Verantwortung und gründete eine unabhängige serbisch-orthodoxe Kirche.

800 Jahre später scheint der serbisch-orthodoxe Glaube die Gesellschaft immer noch zusammenzuhalten, über die osmanische Herrschaft, die Balkankriege und den Zerfall Jugoslawiens hinweg.

In der Altstadt Belgrads, der Hauptstadt Serbiens, befindet sich die Sankt-Alexander-Newski-Kirche, in der Priester Aleksandar Sekulić tätig ist. Vor Beginn der Liturgie ist die Kirche bereits gut besucht, Familien lassen ihren Kuchen segnen, um die Slava zu feiern, ein Fest, das zu Ehren des Familienschutzheiligen gefeiert wird. Es gibt einen Hintergrund an heiligen Gesängen und Weihrauch, der durch die Luft zieht. Ikonengemälde schmücken die Kirche und lassen sie bunt und freudig aussehen. „Ikonen sind in unseren Kirchen, um die Gegenwart des verwandelten Lebens vor Gottes Angesicht zu zeigen. Sie sind Heilige, die Gott gefeiert haben“, erklärt Vater Alexander.

Es ist ein Merkmal der Orthodoxie, Ikonen zu verehren. Beim Eingang in die Kirche werden die aufgestellten Ikonen geküsst, als Ausdruck der Liebe zu Gott.

„Sie sind unsere Rollenvorbilder, wir richten uns nach ihren moralischen Errungenschaften. Wir küssen sie, wie wir Bilder von unseren geliebten Kindern küssen würden“, so der Priester.

Vor der Kirche brennen kontinuierlich Kerzen, im Minutentakt angezündet von Anhängern, die kurz einkehren und beten. Die obere Ebene brennt für die Lebenden, die untere für die Verstorbenen. Passanten bekreuzigen sich beim Vorbeigehen an der Kirche und manche, die eintreten, küssen sogar die Pforten.

Der Glaube und Respekt vor der Tradition wirken tief verankert in der Kultur. Etwa 81 Prozent der serbischen Bevölkerung sind heutzutage orthodox.

Am Wochenende wird der Gottesdienst von etwa 300 Anhängern besucht: Kinder, Jugendliche, Ehepaare, Singles, ältere Menschen, schwangere Frauen. Alle Altersklassen und soziale Hintergründe sind vertreten und stehen, denn in orthodoxen Gotteshäusern gibt es traditionell keine Sitzgelegenheiten. Nur ein paar Stühle und Bänke sind für Alte und Gebrechliche aufgestellt, doch sogar diese bemühen sich, der Liturgie die meiste Zeit im Stehen zu folgen.

Licht dringt durch die Ornamente der Fenster und leuchtet auf die Köpfe der Glaubensanhänger, die sich immer wieder bekreuzigen. „Es gibt keine strikte Regel, was das Sichbekreuzigen angeht. Man tut dies, wenn man ‚Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes‘ hört oder wenn man es in einem persönlichen Moment als richtig empfindet. Wenn man sich bekreuzigt, ist es ein Aufruf an Gott, uns zu segnen“, verdeutlicht Vater Alekandar.

Nach der Liturgie, die für Außenstehende wie ein professionelles Konzert klingt, wird in das Gemeindehaus zu Kaffee und Gebäck eingeladen.ä

 

In der Kirche werden die aufgestellten Ikonen geküsst, als Ausdruck der Liebe zu Gott.

 

Die Kirche bietet Anhängern nicht nur religiöse Zugehörigkeit, sondern auch eine Gemeinschaft, in der man sich austauschen kann. „Ich glaube, dass die Orthodoxie schön ist, weil sie einem ein persönliches Verhältnis zu Gott ermöglicht. Menschen in der Gemeinde haben alle ihre eigenen Herausforderungen. Sie kommen unter anderem, weil sie wissen wollen, wie man sich nach Fehlern verhält und mit Schwierigkeiten umgeht“, so der Priester.

Zu den Aufgaben Vater Aleksandars gehört es, die Heilige Liturgie zu halten, den Anhängern ihre Beichte abzunehmen, ein Vorbild nach Jesus Christus zu sein und vor allem, Seelsorge zu leisten. Viele kommen zu ihm, weil sie spirituelle Orientierung suchen und sich in schwierigen emotionalen Situationen befinden.

„Das Mitgefühl oder wie man das Leid anderer Menschen verstehen kann, ist eine der großen Aufgaben der orthodoxen Kirche. Wir kontemplieren nicht nur, senden Botschaften oder lehren über Mitgefühl, wir müssen auch eine praktische Antwort geben.“

Seit mehr als 30 Jahren habe die Kirche ein Zentrum für religiöse Wohltätigkeit mit einer Missionsschule, ärztlichem Ehrenamt, einer Bäckerei und einer Essensausgabe, die täglich etwa 1.000 Menschen nährt.

In dem Zentrum können Obdachlose medizinische und soziale Hilfe bekommen, aber auch Gläubige an Vorträgen teilnehmen, die wünschen, ihr Wissen über Orthodoxie zu vertiefen.

„Ich glaube daran, dass Gott für uns alle da ist. Aber manchmal frage ich mich, ob ich ebenso für ihn da bin, als ‚guter Mitarbeiter’, angesichts der schwierigen Dinge, die in der Welt passieren und einem im Leben begegnen. Man versucht, die richtigen Worte und die Quelle der Stärke der Menschen zu finden, die leiden. Wie kann man in bedrückenden Zeiten helfen? Das ist eine Herausforderung für einen Priester. Man versucht immer, Gott zu loben, und fragt sich: Was würde Jesus Christus sagen?“

Vater Aleksandar, 1984 in Bosnien geboren, wuchs in Slowenien und Serbien auf und verbrachte einen Teil seines Studiums in den USA. Die Balkankriege und Konflikte in der jugoslawischen Region veranlassten ihn, nach einer existenziellen Krise als Jugendlicher, orthodoxer Priester zu werden. Er selbst habe sowohl muslimische als auch serbisch-orthodoxe Verwandte in Srebrenica gehabt, doch bei einem Begräbnis der gemeinsamen Großeltern seien beide Seiten friedlich präsent gewesen.

„Gott hat uns als Brüder und Schwestern kreiert, nicht, damit wir uns gegenseitig umbringen. Wenn wir zu ihm als ‚Vater‘ beten, dann bedeutet das, dass wir Geschwister sein müssen, über Unterschiede im Charakter, dem Glauben und der Politik hinaus.“

Die Nächstenliebe und das Mitgefühl seien wichtige Pfeiler des orthodoxen Glaubens, und ob man in seinem Leben helfe, sei essenziell. „Der orthodoxe Glaube ist nicht nur eine Philosophie, sondern eine Lebensweise. Wir haben eine Aufgabe und einen moralischen Leitfaden von Jesus Christus erhalten, Friedensstifter zu sein, wenn wir Sohn oder Tochter Gottes werden wollen. Das ist für mich das Ehrenhafteste, das man sein kann, es geht über Weltliches hinaus“, vertieft der Priester.

Jesu Revolution sei es nicht gewesen, andere Menschen aufzuopfern, sondern sein eigenes Leben als Opfer für die gesamte Menschheit darzubieten. Er diente mit seinen Aposteln, heilte Menschen, lehrte sie und als er gekreuzigt wurde, bat er Gott: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

„Viele von uns heute wissen immer noch nicht, was sie tun“, erklärt Vater Aleksan dar und sagt weiter: „Wenn wir das Leben nicht als ein heiliges Mysterium sehen, das respektiert, geliebt und wertgeschätzt werden sollte, können wir anfangen, Böses zu tun. Dann missbrauchen wir andere Menschen aus egoistischen Gründen.“

Vater Aleksandar denkt, dies sei ein großes Problem unserer Zeit. Das Nichtbewusstsein des eigenen Handelns, eine Abwesenheit von Mitgefühl und Nächstenliebe, weil man nicht wisse, was man tue. In diesem Zustand könne man vom Teufel verleitet werden, seine Integrität verlieren und selbstsüchtig handeln, was zu Leid bei sich und anderen führe. Er meint:

„Wir sind Zeugen davon, denn leider sehen wir jeden Tag neue Kriege und Blutvergießen weltweit.“ Die Orthodoxie helfe einem durch Reue, Vergebung und die Zuwendung zu Gott.

Jesus habe nicht verurteilt, hingegen habe er von der Gesellschaft Abgestoßene, Kranke und Verletzte integriert. In der Andacht und Sonntagspredigt geht es um das Gleichnis des barmherzigen Samariters, welcher, von Mitgefühl getrieben, einem Verletzten am Straßenrand hilft.

Man solle sich um andere bemühen, ganz gleich, ob man sie kennt oder nicht, denn vor Gott seien wir alle gleich.

„Lasst uns in uns gehen und die Frage stellen, wie wir auf unserem Weg anderen helfen können“, schlägt Vater Aleksandar vor.

Innerer Frieden sei der einzige Weg, den Gott vorgibt. Das sei die Aufgabe des Christen.

„Jeder von uns ist aufgerufen, die Wahrheit zu suchen. Wir müssen uns entscheiden, welchen Weg wir gehen, aber wenn wir mit Gott sind, ist alles möglich.“


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 131: „Alte Weisheit neu entdeckt"

Vom Alten lernen


 Foto © Sinah Radovanović

 

Sinah Radovanivic

Sinah Radovanivic

Sinah Radovanović studierte Philosophie und Psychologie an der Uni Hamburg und widmet sich nun der Musik. Reisen zählt zu ihren Leidenschaften. Sie praktiziert Soto-Zen seit 2015.
Kommentare  
# Thomas Seidel 2026-07-09 13:51
"Du sollst dir kein Bildnis machen" (Exodus 20,4) ist Teil des zweiten der Zehn Gebote. Es ist ein zentrales Bilderverbot in den abrahamitischen Religionen.
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