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Achtsame Sprache: In dieser Kolumne fragt Claudia Dabringer, warum Worte so oft verdreht, bewertet und missverstanden werden – und plädiert für mehr Achtsamkeit.

Aktuell arbeite ich mich wieder an Sprache ab. Und zwar deshalb, weil einerseits alles, was von jenseits des Atlantiks kommt, für absolut bare Münze genommen wird und andererseits in persönlichen Gesprächen kaum eine Botschaft uninterpretiert kommentiert wird. Was habe ich da übersehen?

Vermutlich hat meine Verunsicherung damit zu tun, dass sich mein Ausdrucksvermögen antizyklisch entwickelt hat. Früher meinte ich, dass ohnehin jede:r Winke mit dem Zaunpfahl verstehen oder Gedankenlesen könne. Man kann mir vieles am Gesicht ablesen, dachte ich. Doch ich irrte.

Das zu erkennen, brauchte eine lange Weile, doch dann entschloss ich mich dazu, so genau, eindeutig und nachvollziehbar zu kommunizieren. Sprich: Nichts in Geschriebenes und Gesagtes hineinzuinterpretieren, sondern genau die verwendeten Worte des Gegenübers zu gebrauchen und meine Ansicht damit rüberzubringen. Oft bekam ich dann die Reaktion, dass man das so doch gar nicht gemeint hätte und ich übergenau mit Worten umgehen würde. Auf meine Entgegnung, dass die Wortwahl ja nicht meine war, wurde man wahlweise unflätig oder hat abgelenkt, wahlweise auch nicht mehr geantwortet.

Ich bin der Meinung, dass Worte achtsam gewählt werden sollten. Denn Worte und Sprache definieren die Grenzen unserer Welt, wie Ludwig Wittgenstein schon feststellte. Und sie definieren auch das Miteinander, im Kleinen wie im Großen. Gerade wenn ich merke, dass mich mein Gegenüber nicht versteht, versuche ich umso mehr, an meiner sprachlichen Präzision zu arbeiten. Doch das hat Grenzen. Dann nämlich, wenn ich merke, dass eben dieses Gegenüber mich partout falsch verstehen will, meine Aussagen durch Filter jagt und sie anhand von einzelnen Worten verurteilt.

Eine Freundin von mir hatte kürzlich Knatsch mit ihren Nichten, weil sie das Wort "Rasse" benutzt hat, obwohl die Grundaussage ihres Statements absolut positiv war. Ihr war nicht bewusst, dass sie eigentlich "ethnische Zugehörigkeit" meinte. Was aber nicht von ihren Nichten kam, denn die haben sich nur über den Gebrauch des laut Duden veralteten, diskriminierenden Wortes beklagt, aber keine korrekte oder sinnvolle Alternative angeboten.

Und da bin ich genau beim Kern dessen, was mir viele Gespräche aktuell verleidet.

Wenn der orangehäutige Mann von der amerikanischen Blumenhalbinsel davon spricht, dass er Grönland annektieren will, den Iran in Asche legen wird oder Menschen anprangert, weil sie angeblich Hunde und Katzen essen – wird all das für bare Münze genommen. Trotzdem befinden wir uns in unsicheren Zeiten, weil all das zu jedem Zeitpunkt widerrufen werden kann. Und wenn er sich innerhalb einer Woche widerspricht, wird auch das geglaubt.

Warum, um Himmels willen?

Warum sind wir so wild darauf, das offensichtlich und ausgesprochene Negative zu akzeptieren?

Merken wir nicht, dass uns damit der Glaube abhandenkommt, dass es auch Menschen mit guten Intentionen gibt? Und dass das wichtig wäre für das alltägliche Miteinander?

Eine slowenische Wissenschaftlerin hat untersucht, warum sich so viele mit diesem Mann identifizieren können. Und ein Ergebnis war: Es geht um Anerkennung, die man auch mit falschen Fakten, Beschimpfungen und Hass erreichen kann. Mir wurde ein Fall zugetragen, in dem eine junge Frau auf Instagram ein Foto ihres Babybauchs gepostet hatte und sie dann einen Shitstorm über sich ergehen lassen musste, weil sie dick war. Sprich ganz normal schwanger. Dass man da den Glauben an das Gute verliert, verstehe ich. Doch braucht es bei vielen wirklich nur eine einzige Erfahrung, um generell vom Glauben abzufallen?

Mit einem Vorbild wie der schlecht frisierten Orange fällt es vielen offenbar leichter, gegen alles zu mauern und allen alles Schlechte zu unterstellen, als dreimal durchzuatmen, sich bewusst zu machen, mit wem man es zu tun hat, und dann zumindest neutral eine Aussage anzunehmen. Wenn man grundsätzlich "geladen" ist, ist das Abfeuern bestimmt die erste Wahl. Doch auch die bessere?

Ich plädiere für das Durchatmen, auch weil ich es selbst praktiziere. Eben genau in den Momenten, wo ich selbst gerne schreien und toben möchte, wo mein Sarkasmus mit mir durchgeht, wo mir Beschimpfungen in zwei Sprachen durch den Kopf jagen. Sprich: Ich bin auch nicht frei von negativen Gefühlen, Interpretationen oder Vermutungen.

Und gerade deshalb bin ich mir bewusst, dass ich stets die Wahl habe.

Will ich ins Gespräch kommen oder ein Gespräch vermeiden? Interessiere ich mich für die Beweggründe des Gegenübers oder will ich es mundtot machen?

Diese Fragen stellen wir uns meiner Meinung nach aktuell zu selten, und dabei wäre es so notwendig.


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Claudia Dabringer

Claudia Dabringer

  Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg mit allem, was zu einer Studentenzeit dazugehört. Mehrjährige Konzentration aufs Radiomachen, bis alles durchexerziert war und das Schreiben wieder im Kopf präsent wurde. Seitdem freie Journalistin, Autorin und Vortragende sowie als Sc...
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