Rime-Care ist eine 2026 gegründete gemeinnützige Organisation aus München. Es baut ein bundesweites Netzwerk für buddhistisch inspirierte Kranken-, Palliativ- und Sterbebegleitung auf – unabhängig von der Religion der Betroffenen.
Was ist das Herzstück Eurer Mission – was möchte Rime-Care in der Welt bewirken?
Wir wollen Menschen in ihrer letzten Lebensphase, als auch bei Erkrankungen, nicht allein lassen, für sie da sein. Ob im Krankenhaus, im Pflegeheim oder Daheim. Wenn jemand sagt: „Ich wurde gehalten”, dann wissen wir, unsere Arbeit hat Sinn.
Unsere Mission ist es, Lücken zu schließen: zum Beispiel zwischen einem Gesundheitssystem, das die spirituellen Bedürfnisse von Sterbenden und ihren Angehörigen oft außer Acht lässt, aber auch die Lücke zwischen traditionellen buddhistischen Praktiken und ihrer konkreten Anwendung auf unser Leben und Sterben in der modernen Welt. Weiterhin möchten wir unsere buddhistische Praxis nicht nur auf unser eigenes Umfeld „auf dem Meditationskissen“ reduzieren, sondern sie in fürsorgenden, aus Mitgefühl resultierenden Aktivitäten zum Ausdruck bringen, um unseren Mitmenschen und -wesen ein Leben und Sterben in Würde zu ermöglichen.
An welche Menschen richtet sich Euer Angebot in erster Linie?
Unser Angebot kommt aus einer Prägung durch buddhistische Werte wie Mitgefühl und Verbundenheit heraus, aber richtet sich an alle Menschen ohne Ausnahme.
Bringen alle Mitwirkenden einen buddhistischen Hintergrund mit, und welche Rolle spielt der Buddhismus in Eurer täglichen Arbeit?
Viele von uns sind buddhistisch verwurzelt, doch nicht alle. Ein fehlender buddhistischer Hintergrund bei dem einen Teammitglied wird durch praktische Expertise als Hospizhelfer oder Sterbebegleiter ausgeglichen und umgekehrt. Viele von uns sind buddhistisch verwurzelt, doch nicht alle. Ein fehlender buddhistischer Hintergrund bei dem einen Teammitglied wird durch praktische Expertise als Hospizhelfer oder Sterbebegleiter ausgeglichen und umgekehrt.
Die Lehre des Buddhismus ist eine Haltung: Achtsamkeit, Mitgefühl, das stille Zuhören. Diese Praxis färbt unser Tun, ohne dass wir anderen etwas aufzwingen. Wir bringen Rituale, Atemübungen und Metta in die Begleitung – als Geschenk, nicht als Glaubenssatz.
Warum habt Ihr Euch für den Namen Rime-Care entschieden, und welche Bedeutung verbindet Ihr persönlich damit?
Der Begriff Rime steht für eine Geisteshaltung, welche von Offenheit, Wertschätzung und Kenntnis der Traditionen gekennzeichnet ist. Uns ist es wichtig, alle authentischen, nicht-sektiererischen Lehren in ihrer Vielfalt wertzuschätzen und als gleichwertig anzusehen. Die Bereitschaft, das Fremde als Bereicherung und mit Offenheit und Respekt vor unterschiedlichen Wegen willkommen zu heißen.
Als Bildnis dafür können wir uns einen Baum mit einer starken Wurzel und vielen Ästen und Früchten vorstellen, welcher Schatten spendet und uns nährt.
Ihr beschreibt Euer Tun unter anderem als „Seelsorge“, ein Begriff aus christlicher Tradition. Was möchtet Ihr mit dieser Wortwahl ausdrücken, und wie füllt Ihr sie buddhistisch?
Der Begriff Seelsorge ist in der Allgemeinheit gut integriert und die meisten Menschen können mit diesem Begriff eine Begleitung von Menschen in existenziellen Krisensituationen verbinden, die auf gleichberechtigter Augenhöhe agiert. Auch wenn es im Buddhismus natürlich keine Seele gibt, steht auch in der buddhistischen seelsorgerischen Begleitung der Mensch mit seinen existenziellen Nöten im Mittelpunkt, dem wir uns mit Wohlwollen, Fürsorge und Präsenz zur Verfügung stellen.
Welche persönlichen, fachlichen oder spirituellen Voraussetzungen sollten Mitwirkende mitbringen? Gibt es eine Ausbildung bei Euch?
Die erste und wichtigste Voraussetzung bei Rime-Care ist eine offene, liebevolle Einstellung, welche von Mitgefühl und Wertschätzung für andere Menschen und Wesen geprägt ist.
Als Praktizierende richten wir unser Denken und Handeln nach den 10 heilsamen Handlungen aus. Weiter sind für ein Ehrenamt Verlässlichkeit, Geduld und eine gewisse innere Stabilität sowie eine eigene Praxis wichtig. Natürlich auch die Fähigkeit, sich selbst zurücknehmen zu können, weil es ja nicht um einen selbst, sondern um die begleitete Person geht.
Für eine Qualitätssicherung auch bei unseren Angeboten, welche als Anforderung zur Anerkennung in unserem Gesundheitssystem gefragt sind, müssen die Ehrenamtlichen aber Kenntnisse/ Ausbildungen im Bereich Hospiz/ demenzielle, neurologische Erkrankungen sowie eine gefestigte buddhistische Praxis haben. Klingt erst einmal viel, aber bitte KEINE Sorge, es muss niemand Angst haben, den Ansprüchen nicht zu genügen.
Wir bieten eine qualifizierte Ausbildung in 3 Modulen in Zusammenarbeit mit etablierten Institutionen für all die interessierten Ehrenamtler an, die hier noch keine Ausbildung haben. D.h. auch wer in die buddhistische Praxis noch nicht so tief eingestiegen ist, wird mit Unterstützung von Ordinierten und Lehrern aus unterschiedlichen Traditionen einen guten Einblick bekommen. Zudem gibt es die Möglichkeit zur Mediation.
In welchen Formen ist ein Engagement möglich?
Wir arbeiten in einem Team und ergänzen uns gegenseitig. Unsere Arbeit richtet sich an den Bedürfnissen der Menschen aus.
Eine ehrenamtliche Mitarbeit (kann mit einer Ehrenamtspauschale vergütet werden) bei uns ist in vielfältigen Bereichen möglich. Zum Beispiel in der Organisation und bei Verwaltungsaufgaben auch gern Übersetzungen bei Vorträgen durch Ordinierte oder Lehrer machen.
Viele Ehrenamtliche möchten aber auch in der Begleitung der Menschen tätig werden. D.h. also die Menschen im Krankenhaus, im Pflegeheim, aber vor allem auch in ihrem Zuhause begleiten. Mit Gesprächen, mit Zuhören und einfach auch mit Präsenz im stillen Dasein. Für praktizierende Buddhisten auch Rituale durchführen oder Trauerfeiern mitgestalten. Die Angehörigen dürfen wir auch nicht vergessen, sie werden liebevoll mit einbezogen und auch für sie sind wir da.
An welche Menschen in welchen Lebenslagen richtet sich Eure Begleitung?
An Sterbende, an Menschen mit schweren Erkrankungen, an Angehörige in Trauer, an Menschen mit Demenz und an jene, die vor einer existenziellen Frage stehen. Wir sind da, wo das System oft nicht mehr hinsieht – in den stillen Stunden, in den langen Nächten. Aber auch Rituale, Zeremonien und liebevolle Worte zum Zeitpunkt des Todes und danach gehören dazu.
Wie begegnet ihr Menschen, die zwar Beistand und Begleitung suchen, mit dem Buddhismus jedoch nichts verbindet?
Mit Respekt und ohne Worte der Bekehrung. Oft genügt ein Atemzug, eine Hand auf der Schulter, ein paar Zeilen mit tröstenden Worten. Wir fragen nach Wünschen und passen uns an. Manchmal ist die Stille selbst das größte Geschenk – sie braucht keinen Glauben.
Ist Euer Angebot bereits bundesweit aktiv?
Ja, Rime-Care ist bereits in einigen Regionen, wie Ostholstein bis Hamburg, über Bonn und Berlin bis hin nach Bayern aktiv. Andernorts wächst das Interesse stetig. Wir hoffen auf viele weitere ehrenamtlich Tätige, damit niemand allein bleiben muss, niemand allein sterben muss, nicht in einer großen Stadt, nicht in einer kleinen Gemeinde.
Wie finanziert ihr Eure Arbeit?
Vorwiegend durch Spenden, kleine Förderungen und ehrenamtliches Engagement. Aber auch durch Vorträge in anderen Institutionen. Wir nutzen Mittel für Ausbildung, Koordination und Öffentlichkeitsarbeit. Dana – das Geben – ist ein Teil der buddhistischen Kultur; Geben ist ebenfalls ein Ausdruck von Mitgefühl und Mitfreude.
Ist Eure Begleitung kostenfrei? Falls nicht: Mit welchen Beiträgen ist zu rechnen, und gibt es öffentliche Träger, die die Kosten übernehmen?
Viele Angebote sind ehrenamtlich und auf Spendenbasis. Für andere Leistungen wie beispielsweise koordinative oder professionelle Leistungen werden Beiträge erhoben. Obwohl die spirituelle Dimension die 4. Säule des Palliativ-Care-Konzeptes ist, übernimmt kein öffentlicher Träger die Kosten für eine spirituelle Begleitung. Darum sind Spenden so wichtig, um diese wichtige Arbeit machen zu können.
Wo seht Ihr Rime-Care in fünf Jahren und woran würdet Ihr erkennen, dass eure Mission Früchte trägt?
Wir wünschen uns ein warmes, verlässliches Netz in vielen Regionen, gut ausgebildete Ehrenamtliche und Kliniken, die uns als Partner sehen. Wir würden es an kleinen Dingen erkennen: an Angehörigen, die sagen, sie fühlten sich gehalten; an Sterbenden, die in Würde gehen konnten; an Ritualen, die Trost brachten. Wenn Einsamkeit am Lebensende seltener wird, dann hat unsere Arbeit Früchte getragen.
Werner Heidenreich führte das Interview für das NETZWERK BUDDHISMUS.
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