Aus einer säkular-buddhistischen Perspektive erweisen sich zentrale Begriffe der Lehre Buddhas, wie Karma, Wiedergeburt und Nirvana, als tief existenzielle und psychologisch relevante Konzepte, wenn sie von metaphysischen Vorstellungen befreit werden.
Statt von einer jenseitigen Wiedergeburt und kosmischer Vergeltung zu sprechen, kann der Blick auf das konkrete Erleben im gegenwärtigen Augenblick gerichtet werden: auf Empfindung, Emotion und Gewohnheit und damit auf die Möglichkeit zur Freiheit. Am Anfang steht immer die Empfindung: vedana.
Jede Handlung, sei sie körperlicher oder sprachlicher Natur, geht aus einer Empfindung hervor. Diese Empfindungen sind nicht bloße Begleiter des Lebens, sondern dessen Quelle. Diese Einsicht verleiht der Empfindung ein besonderes Gewicht in der karmischen Dynamik: Wer empfindet, handelt in der Regel bereits.
Ein Reiz aus der Welt, das kann ein Geräusch, ein Blick, ein Wort sein, trifft auf die Sinne und entfaltet sich zur Empfindung. Diese Empfindung ist immer nur entweder angenehm, unangenehm oder neutral. Die eigentliche Bewegung des Werdens beginnt jedoch erst in der nächsten Phase, im Moment des Ergreifens. Wird die Empfindung affektiv verhaftet, entsteht eine komplexe Emotion: Angst, Wut, Gier, Freude usw.
Diese emotionale Aufladung ist das Resultat biografischer Prägungen, körperlicher Zustände, genetischer Dispositionen, kultureller Muster usw. Aus ihr heraus entstehen schließlich Handlung und Rede. Das Denken, das in der westlichen Kultur eine zentrale Rolle einnimmt, spielt in Wirklichkeit eine eher untergeordnete Rolle.
Ein Smartphone vibriert, während man eigentlich auf eine andere Tätigkeit konzentriert ist. Die Empfindung ist unangenehm. Daraus entspringt umgehend der Impuls: „Ich muss nachsehen – es könnte wichtig sein.“
Dieses Gefühl von Dringlichkeit ist nicht objektiv, sondern Ergebnis einer Konditionierung. Wird der Impuls also ergriffen, meist unbewusst, führt er zur Handlung: Das Smartphone wird in den Blick genommen, jede Konzentration oder Achtsamkeit ist unterbrochen.
In dieser Lesart ist Karma nicht das Produkt einer übernatürlichen Buchhaltung, sondern Ausdruck einer innerpsychischen Kausalität.
Sie beschreibt, wie sich Handlung und Denken über die Zeit strukturieren. Jede Handlung prägt dabei den Handelnden selbst sowie sein Gegenüber. Aus dem Ergreifen entsteht eine Empfindung, daraus emotionale Muster, aus den Mustern erwachsen Reaktionen, aus den Reaktionen eine Art zu denken, aus ihm ein Charakter und aus dem Charakter schließlich ein Schicksal, nicht jenseitig, sondern im Hier und Jetzt.
Wer etwa wiederholt mit Ungeduld auf Verzögerungen reagiert – im Straßenverkehr, in Gesprächen, bei technischen Störungen –, verfestigt innerlich das Muster: „Ich darf keine Zeit verlieren.“
Mit der Zeit wird dieses Muster zur Persönlichkeitseigenschaft: gereizt, getrieben, unruhig. Das ist die konkrete karmische Wirkung.
Doch Karma ist nicht nur psychologisch. Es wirkt auch sozial. Verhalten pflanzt sich fort, in Familien, in Gruppen, in Kulturen. Gewalt erzeugt Angst, Angst erzeugt das Bedürfnis nach Kontrolle, Kontrolle kann Entfremdung erzeugen, und das über Generationen hinweg. So reicht Karma über das Individuum hinaus, ohne dass ein individuelles Bewusstsein wiedergeboren werden müsste. Die Wirkung bleibt, auch wenn der Wirkende vergeht.
Ein Vater, der mit Härte auf Fehler seines Kindes reagiert, gibt ein Verhaltensmuster weiter, das vielleicht schon in seiner eigenen Kindheit geprägt wurde. Das Kind übernimmt diese Muster durch erlebte Beziehung. So wirkt Karma über Generationen, ohne dass ein Selbst von einem Körper in den nächsten wandert.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 134: „Keine Angst vor der Angst"
Wiedergeburt kann – ja muss – diesseitig verstanden werden. Aus säkular-buddhistischer Sicht ist sie ein Vorgang des ständigen Wiederwerdens.
In jedem Moment entsteht ein neues dynamisches, nicht-substanzielles Selbst, gespeist aus der Reaktion auf Empfindung. Aus Empfindung wird Emotion, aus Emotion wird Handlung, und die Handlung wirkt zurück auf das Denken und Erleben. Dieses Muster ist das samsarische Rad, nicht als kosmisches Rad der Existenzen, sondern als psychodynamischer Automatismus im eigenen Leben.
Nach einer schlechten Nachricht, vielleicht einer Kündigung, einem Verlust, einer Kränkung, entsteht möglicherweise das Gefühl von Kontrollverlust. Wird dieses Gefühl automatisiert ergriffen – und das wird es in der Regel –, kann daraus Wut entstehen, dann Frustration, dann vielleicht resignierende Untätigkeit oder auch Kampfgeist. In dieser Kette wird ein Selbst immer wieder neu geboren – als Opfer, als Enttäuschter, als Rebell –, ohne bewusste Wahl.
Der erste Schritt hin zur Befreiung im buddhistischen Sinne besteht darin, diesen Kreislauf zu erkennen.
Der zweite Schritt ist, ihm nicht mehr blind zu folgen, den Automatismus zu unterbrechen. In der achtsamen Wahrnehmung der Empfindung liegt die Möglichkeit zur Freiheit. Wird die Empfindung bemerkt, sei sie angenehm, unangenehm oder neutral, aber bewusst nicht ergriffen, entsteht ein Raum: ein Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion. In diesem Raum liegt die Freiheit, die wir suchen. Diese Freiheit ist Nirvana. Nirvana nicht als metaphysischer Ort, sondern als gegenwärtige Offenheit.
Jemand kritisiert uns. Anstatt uns sofort zurückzuziehen oder uns zu rechtfertigen, nehmen wir die Empfindung „unangenehm“ wahr, die normalerweise automatisiert zur Kränkung wird. Im Erkennen entsteht Raum.
Nicht die folgende Kränkung diktiert nun unsere Handlung oder Rede, sondern es entsteht die Freiheit für eine autonome Handlung. Wie auch immer wir uns dann entscheiden zu handeln, wir entscheiden ohne Ergreifen, nicht automatisiert, nicht karmisch bindend, nirvanisch. Es ist das Ungeborene, weil es nicht aus karmischen Verstrickungen entstanden ist.
Wer in diesem Raum handelt, erzeugt kein Karma mehr. Nicht, weil er nichts mehr tut, sondern weil das Tun nicht mehr aus Anhaften entsteht. Die Handlung ist frei, weil sie bewusst ist. Sie durchtrennt das Gewohnheitsmuster, statt es zu wiederholen.
Karma, Wiedergeburt und Nirvana sind im säkularen Buddhismus keine mystischen Konzepte, sondern psychologische Mechanismen: Das Handeln folgt der Empfindung, das Erleben formt das Selbst, Augenblick für Augenblick. Die Freiheit liegt in der Achtsamkeit, nicht zu ergreifen, sondern zu verstehen. Die Lehre Buddhas ist radikal diesseitig und radikal verantwortungsvoll.
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