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Diskurs

Ladakh, auch als „Klein-Tibet“ bekannt, ist eines der spirituellen Zentren des tibetischen Buddhismus. Für Frauen gilt er weithin als fortschrittlich. Doch die Frauenrechtspionierin Thinlas Chorol kennt eine andere Realität.

Sie war meine Nachbarin, erinnert sich Thinlas Chorol. Direkt bei ihr im Dorf, in Ladakh, ist es passiert – und niemand hat etwas gemacht. „Da sagen die Ladakhis immer: Wir sind gleichberechtigt, bei uns gibt es keine Diskriminierung von Frauen, alle sind so happy, happy.“ Aber dann hat eine Gruppe junger Männer aus dem Dorf die Nachbarin vergewaltigt.

„Ich habe sie sehr gut gekannt“, meint Thinlas, die heute 43 Jahre alt ist. Sie sitzt in ihrem Haus am Stadtrand von Leh, der Hauptstadt des indischen Bundesstaats Ladakh. Geografisch gehört Ladakh eigentlich schon zum tibetischen Hochplateau. Und auch die Kultur dort ist der tibetischen viel ähnlicher als der indischen. Da ist die Sprache, die verwandt ist, das Essen, das ähnlich ist, und da ist der Buddhismus, der das Leben in Ladakh dominiert. Thinlas schwarze Haare sind am Ansatz leicht ergraut, die schmalen Augen funkeln kämpferisch, dazwischen huscht ihr oft ein schelmisches Lachen über das Gesicht.

Als der Gang-Rape an der Nachbarin passiert ist, war sie gerade mal 17 oder 18, die Nachbarin ebenfalls. Sie musste nach der Vergewaltigung den Bruder eines der Vergewaltiger heiraten. Wenn Thinlas beim Haus anklopfte, dann hieß es, sie sei nicht da. „Die haben sie versteckt, sie durfte niemanden treffen.“ Erst später fand sie heraus, dass ihr Ehemann sie auch schlug.

Thinlas wollte damals mit den Medien sprechen, doch ohne Erfolg. Sie ging zur „Woman‘s Alliance of Ladakh“ in Leh – eine der wenigen NGOs, die sich damals für die Stärkung von Frauen in Ladakh einsetzten. Dort hat man ihr bloß gesagt: Die Familie des Mannes sei doch reich, das Mädchen müsse glücklich über die gute Partie sein.

Traditionell liege in Ladakh viel mehr im Argen, als man weitläufig propagiert, erzählt Thinlas. Heute ändert sich so manches. Immer mehr Frauen sind gut ausgebildet und wissen über ihre Rechte Bescheid. Sie können heute Unrecht als solches erkennen. Doch Handeln – das machen immer noch die wenigsten.

Thinlas Chorol ist anders.

Der Vorfall mit ihrer Nachbarin habe sie nachhaltig geprägt, meint sie. Sie habe außerdem das Glück gehabt, die Secmol-Schule in Ladakh zu besuchen, die weitläufig als modern und progressiv gilt. Sie entschloss sich, Trekking-Guide zu werden, obwohl es damals keine Frauen in Ladakh gab, die diesen Job ausübten. Mittlerweile leitet sie eine ganze Reiseagentur, die Frauen Jobs in der Tourismusbranche ermöglicht, die „Ladakhi Womens Travel Company“.

2014 hat sie außerdem das „Ladakhi Women‘s Welfare Network“ gegründet – weil sie nicht einfach nur zu schauen wollte. Ein eigenes Büro hat die Organisation nicht, aber ihr Reisebüro ist ganz im Zentrum von Leh. „Ladakh ist klein. Nicht alle kennen unsere Arbeit. Aber wenn man sie braucht, dann wird man uns finden.“

Allzu oft kommen Frauen trotzdem nicht vorbei. Vielleicht zwei bis dreimal im Jahr. Probleme gäbe es eigentlich genug, ist sie überzeugt. Doch gerade bei häuslicher Gewalt, da schweigen eigentlich alle, meint sie. Und es sei vor allem so, dass fast immer die Frauen beschuldigt werden.

Es gab damals noch einen anderen Fall, der sie Anfang der Zehnerjahre dazu bewegt hat, ihre Organisation zu gründen. Ein junges Mädchen ist abends ins Auto von jungen Männern gestiegen. Am nächsten Morgen fand man sie tot, vergewaltigt. Die Leute hätten das Mädchen beschuldigt, erzählt Thinlas. Das Mädchen hätte schließlich nicht ins Auto steigen dürfen, hieß es. Freundinnen der Getöteten haben in Leh protestiert. „Wir haben also beschlossen: Wir müssen etwas tun.“

Das Verbrechen ist das eine. Wie damit umgegangen wird, das andere. In Ladakh sind Frauen im Vergleich zum Rest Indiens in der Tat etwas bessergestellt, attestiert Thinlas. Doch so rosig, wie man das Bild gern zeichnet, so läuft es nicht ab. Da ist einmal das grundsätzliche traditionelle Besitzsystem, bei dem Land der Familie an den ältesten Sohn geht.

Die älteste Tochter wiederum bekommt den Schmuck der Mutter. Weitere Töchter seien also besonders schwer zu verheiraten. So besagt ein Ladakhi-Sprichwort, paraphrasiert Thinlas: „Wer keinen Schmuck hat, wird Nonne, auch wenn man das nicht will.“

Und das sei oft tatsächlich der Fall.

Traditionell bleibt die jüngere Tochter als Nonne im Elternhaus, verrichtet dort Hausarbeiten und führt hie und da einfache Rituale für die Dorfgemeinschaft durch. Eigene Nonnenklöster gäbe es in Ladakh nur ganz wenige. Langsam ändere sich das, ja. Aber dieser Wandel geschehe sehr, sehr langsam.

Wie die verschiedenen Ebenen der Diskriminierung zusammenhängen und schlussendlich auch zu mehr Gewalt gegen Frauen führen, dafür gäbe es schon gar kein Bewusstsein. Thinlas erinnert sich gut, als ihr Ladakhi Women‘s Welfare Network erstmals am Internationalen Frauentag in Leh ein Event in der Stadt veranstaltete. Sie haben Bands eingeladen, Diskussionen veranstaltet, Reden gehalten. Andere alteingesessene Frauenorganisationen wären vollkommen perplex über den Ansatz gewesen.

„Warum müsst ihr draußen feiern?“, lautete die verdatterte Nachfrage. „Wir feiern nicht“, war Thinlas Antwort, „wir wollen Bewusstsein schaffen.“

So sei eines der Hauptprobleme, dass einem Großteil der Gesellschaft die Tragweite des Problems nicht bewusst ist. Und außerdem würde ein dicker Mantel des Schweigens über dem Themenkomplex liegen. In der Öffentlichkeit hätten derartige Themen nichts zu suchen.

Thinlas muss sofort an einen Fall von 2022 denken. Auf einem ihrer Treks kam ihr zu Ohren, dass ein junges Mädchen in einem Dorf vergewaltigt worden war. Das war nur wenige Tage, bevor der Dalai Lama just jenes Dorf besuchen sollte. Der Dalai Lama wird als buddhistisches Oberhaupt der Tibeter auch in Ladakh immens verehrt. Ein Besuch Seiner Heiligkeit ist immer ein Großevent. Und vor allem im religiösen Kontext sind so erschreckende Dinge wie Sexualverbrechen höchst unpassend. Sie werden als ungünstiges Omen gedeutet.

Die ganze Community übte also auf die Familie Druck aus, nichts zu sagen und auch die Tochter nicht ins Spital zu bringen, obwohl diese schwere Verletzungen von der Vergewaltigung davongetragen hatte, erzählt Thinlas. Sie ging also zum Schuldirektor, zum Abgeordneten im Parlament für die Region und zum Chief Executive Counselor für den Bezirk. Alle haben zwar gemeint, sie würden etwas tun, doch passiert ist nichts. Nur durch die Hartnäckigkeit der Mutter und Thinlas Unterstützung kam der Fall doch vor Gericht. Der Täter sitzt nun im Gefängnis.

Thinlas macht diesen Job nun schon viele Jahre. Da wird mal von oben nach unten vertuscht, mal von unten nach oben. Grenzen durchbrechen würden diese Fälle nur ganz selten. Oft betreut sie auch einfachere Fälle: Da ist die Geschichte einer Frau, die einen Mann heiratete, nur um später zu erfahren, dass dieser eigentlich Mönch ist und beide Leben parallel führen wollte. Oder der Fall, in dem eine Schwiegermutter die Zeugnisse der Frau nicht hergeben wollte, aus Angst, diese fände eine Arbeitsstelle. Oft geht es auch einfach nur ums Geld.

Thinlas vermittelt dann oder begleitet die Frauen in den oft langwierigen Gerichtsprozessen.

Auch im Fall ihrer ehemaligen Nachbarin konnte Thinlas am Ende vermitteln. Mit ihrer Hilfe wurde ein Gerichtsverfahren eröffnet; die Frau lebt nun neu verheiratet in einer anderen Region in Ladakh.

Ein Wort, das im Gespräch mit Thinlas häufig fällt, ist „frustrierend“. Ihre Arbeit ist langwierig. Ein Kampf gegen Windmühlen. Und doch. Ihre Gruppen würden nicht nach dem Motto arbeiten: So ist eben die Gesellschaft. „Nein, wir sagen: Frauen müssen ihre Rechte bekommen.“ Momentan sammelt Thinlas Geld für ein Schutzhaus und Trainingscenter für Frauen. Es soll in der Nähe von Leh entstehen. Land dafür konnte sie bereits erwerben. Doch noch fehlen die Gelder, um es wirklich aufzubauen.

Für ihre Arbeit hat Thinlas schon einige Auszeichnungen erhalten. Sie ist für die Region im Himalaya eine echte Pionierin. All die Auszeichnungen, die seien ihr aber egal, winkt sie ab. Es gibt sogar Leute in Ladakh, die ihr vorwerfen, dass sie die Arbeit gar nur wegen jener Auszeichnungen machen würde.

„Das“, lacht Thinlas, „ist mir auch egal.“


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 131: „Alte Weisheit neu entdeckt"

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Dr. Anna Sawerthal

Dr. Anna Sawerthal

Dr. Anna Sawerthal ist Tibetologin und Journalistin. Sie studierte in Wien, Nepal, Lasha und Heidelberg. Sie lebt in Wien.
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