Der Tod gehört zum Leben dazu. Doch einfacher macht das Wissen darum den Abschied von der großen Liebe nicht.
Mein Liebster musste vor zwei Jahren seinen Körper verlassen. Nach einer unerwarteten Diagnose siebeneinhalb Monate zuvor. Oswin war ein tantrisch-buddhistischer Laien-Lama. 35 Jahre lang hatte er zum großen Teil in Asien studiert und alle Prüfungen eines Lamas abgelegt. Zudem war er in Phova ausgebildet, einer Form der Praxis, die Menschen im Übergang vom Leben ins „reine Land“ begleitet.
Gut sieben Jahre zuvor las ich die ersten Worte, die er an mich richtete, als er sich um die Teilnahme an einem Seminar zum Thema achtsame Sexualität bewarb, das ich damals leitete. Er hatte einen über 1.000 Kilometer langen Weg aus den Bergen, zwischen Graz und Slowenien, von einem Biohof ins Bergische Land, zu meinem Seminar. Sofort wurde mir beim Lesen seiner Worte klar, dass er der Mann war, auf den ich lange gewartet hatte.
Ich suchte von ganzem Herzen einen Mann, mit dem ich meine Berufung gemeinsam leben konnte. Als Paar- und Sexualtherapeutin fand ich es Glück verheißend, diesen Beruf als Frau nicht mehr länger allein auszuüben. Wie wunderbar wäre es, wenn ein weiser, achtsamer Mann mit viel Humor an meiner Seite wäre, um von Paar zu Paar arbeiten zu können.
Ich durfte diese Jahre mit Oswin in der Weise leben und arbeiten, die ich mir immer erträumt hatte. Wir durften erfahren, was es bedeutet, wenn Achtsamkeit in die Liebe, in die Sexualität, in den Alltag, ins Berufsleben einfließt. Das, was wir miteinander zu Hause lebten, teilten wir in unserer Praxis in der Kölner Südstadt mit den Paaren, die zu uns fanden. Unsere Rituale, die wir gemeinsam entwickelten und als hilfreich in unserem eigenen Alltag, in unserem Gebet, in unserem Lieben, in unserer Sexualität, in unserer Kommunikation und in unserer Streitkultur als hilfreich empfanden, vermittelten wir den Menschen, die zu uns fanden.
Wir waren beide fasziniert davon, was sich in kurzer Zeit bei den Paaren zeigte und wandelte – in ihnen als Individuen und in ihrem Miteinander. Wir staunten auch über das, was mit uns geschah, was wir miteinander erlebten, was sich in jedem von uns entfalten durfte. Welche Dimensionen der Begegnung miteinander und allein möglich wurden. Eine wichtige Basis in allem war immer unser Humor. Dinge nicht zu ernst zu nehmen, immer wieder über sich selbst lachen zu können, trug uns durch alles hindurch. Ich empfand es als ein großes Geschenk, diese Jahre mit Oswin erleben zu dürfen.
Die Zeit nach der Diagnose war eine unfassbare Erfahrung. Wir hatten gerade einen großen Raum angemietet, um für unsere Paare, die mit uns den Weg der Wonne, nach der Zeit von Corona, endlich wieder leibhaftig erfahren wollten, genug Platz zu haben. Unsere Praxis war für diese Arbeit zu klein geworden. Dann traf uns der Hieb: „Sie haben noch eine Lebenserwartung von einem Tag bis zu höchstens acht Monaten.“ Von da an mussten wir jeden Tag damit rechnen, dass Oswin möglicherweise seinen Körper verlassen musste. Wir hofften auf ein Wunder. Wir hatten das Gefühl, es gäbe noch so viel miteinander und mit den Paaren zu teilen.
Jeden Tag, den wir miteinander hatten, kosteten wir aus. Bis zuletzt. Und es waren noch ganze siebeneinhalb Monate. Wir saugten jede Sekunde miteinander auf. Oswin entschied sich, hier zu Hause mit viel Meditation, Austausch und Einkehr seine letzte Reise anzutreten – entgegen dem Rat der Mediziner, noch eine lebensverlängernde Chemotherapie zu machen.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 132: „Liebe, Sex und Achtsamkeit"
Bis zuletzt tröstete und erheiterte er die vielen Menschen, die ihn hier zu Hause besuchten, von ihm Abschied nahmen. Zum Teil kamen sie weither gereist, da Oswin sehr viel Zeit seines Lebens in Asien, in der Nähe seines Lamas, gelebt hatte. Auch seine Freunde aus Österreich kamen, um sich zu verabschieden. Er schaute sie alle mit seiner Achtsamkeit, seinem bis ganz zuletzt herzlichen und wundervollen Humor und seiner Weisheit an und verströmte seine Liebe, seine Zuversicht in die Unendlichkeit des Seins. Es gab unglaublich viel Liebe in diesen letzten Monaten zu spüren. Auch Verzweiflung war willkommen. Die Schmerzen wollten umarmt sein, so viele Tränen, so viel Lachen, so viel Zärtlichkeit.
Mich selbst beschäftigt, nun wieder allein, aber eingebettet in eine liebevolle Familie und in tiefe Freundschaften, die mich wärmen und inspirieren, die Frage: „Wie lebe ich meine sexuelle Kraft als 61-jährige Frau, wenn mein Partner ‚auf der anderen Seite‘ weilt?“ Zunächst war das Thema meiner letzten zwei Jahre, mit Achtsamkeit und Liebe, Entschlossenheit und Mut diesen unfassbaren Schmerz, meine Trauer, zu leben.
Zuflucht fand ich im Europäischen Institut für angewandten Buddhismus, kurz EIAB, einem Zen-Kloster in Waldbröl, bei Schwester Song Nghiem, die mich in meiner Trauer in ihren Armen auffing, ohne dass ich sie je zuvor sah. Auch Thai Phap An und seine weisen, ruhigen und auch sehr humorvollen Vorträge, seine tiefen geführten Meditationen gaben mir Orientierung dabei, mich nicht in der Trauer und in Bitterkeit zu verlieren. Die Lehre von Thich Nhat Hanh, die die beiden weitergeben, auch seine Bücher über den Umgang mit dem Verlust unserer liebsten Menschen, halfen mir sehr. Sooft ich konnte, hielt ich mich im Kloster auf und fand in der achtsamen Stille meinen Frieden mit diesem Schicksalsschlag.
So erforsche ich, was mir, ganz für mich persönlich, die Zeit mit einem solch wunderbaren, weisen, liebevollen, humorvollen, lebensfreudigen Gefährten geschenkt hat. Wie kann das alles mein Leben jetzt bereichern, meine Arbeit als Paar- und Sexualtherapeutin, mich als Frau in meiner Sexualität mit mir selbst? Unsere Sexualität war eingebettet in unsere Spiritualität, unseren Austausch auf Herzensebene, und sie war so unglaublich tief erfüllend. Es erhob mich in die höchsten Höhen der Ekstase, des Gefühls der Einheit, des Zu-Hause-Seins, der tiefsten Befriedigung auf allen Ebenen. Wie lässt man so etwas in der Vergangenheit, ohne daran zu zerbrechen?
Bis zur letzten Sekunde liebte ich Oswins Duft, seinen ganzen Körper, all sein Sein. Bis in den Tod hinein. Ich wusch seinen Körper, nachdem er ihn verlassen hatte. So still und sanft war sein letztes Ausatmen gewesen. Eine Stunde saßen seine Söhne und ich reglos im Raum und lauschten in diese unglaubliche Stille. Drei Tage bahrten wir ihn hier zu Hause auf, betteten seinen Körper in ein Rosenmeer. Viele Menschen kamen und verabschiedeten sich. Kinder brachten Gemälde. Es wurden Gedichte vorgelesen.
Tantrisch-buddhistische Rituale wurden abgehalten. Ich hielt, sooft ich konnte, seine Hand. Seine Hände, wie hatte ich sie geliebt. Im Krematorium war ich allein, überprüfte, ob es auch sein Körper war, bevor ich den roten Knopf drückte und diesen geliebten Körper, in sein Meditationstuch gehüllt, dem Feuer übergab.
Was kann ich von all dem Wunderbaren heute in mein weiteres Leben integrieren? Wird es noch einmal einen Mann für mich geben? Darf diese Frage überhaupt sein? In mir spüre ich Oswin schmunzeln: „Sei in der Gegenwart. Sei im Mitgefühl.“ Jetzt zeigt es sich, in jedem achtsam gelebten Augenblick. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns begegnen, ist so gering, und doch finden wir uns, wenn wir uns finden wollen. In der Liebe.
Ich möchte mit einem Poem, er nannte es „Schutzbrief für meine Liebste“, schließen. Oswin schrieb es mir an Weihnachten 2021. Erst im September 2022 kam die Diagnose, aber er hatte seinen Tod bereits geträumt, hatte mir aber nur andeutungsweise davon erzählt. Er war auch im Klartraum von einem tibetischen Meister ausgebildet. Das Gedicht kam in 40 roten Rosen per Bote, und ich war verstört. Oswin war kein Mann, der Schnittblumen mochte oder gar schenkte. Jede einzelne Rose präparierte er und sie schmücken bis heute mein Schlafzimmer. Erst als ich das Gedicht am Tag vor seinem Abschiedsfest, das ich nach seinem Tod mit vielen Menschen feierte, wiederfand, konnte ich seine Worte verstehen.
Schutzbrief von Oswin
Wenn wir weit schauen, wenn wir soweit wir können nach hinten schauen, sehen wir keinen Anfang
wenn wir weit nach vorne schauen, noch viel weiter, viel, viel weiter als wir können, sehen wir kein Ende
wenn wir in uns hineinschauen, so tief wir können und immer tiefer forschen, finden wir keinen Grund
wenn wir uns erheben über uns hinaus in das Universum hinein und noch höher fliegen, ist nirgends eine Grenze zu finden.
Nichts, von dem was wir zu sein glauben wird bleiben.
Alles ist in Veränderung eingebettet.
Alles verweht.
Ich werde forschen und lernen, Lieben lernen und Weisheit sammeln und wenn du dich neu erschaffst, zu Lebendigem zusammenfügst, später einmal irgendwann wieder neu fühlend, empfindend, wollend sein wirst, werde ich da sein dürfen und sehen, wie sich deine Blüten der Bodhisattwa-Stufen öffnen, sich der Duft der Liebe und Leidlosigkeit über alle Wesen verströmt und wir geborgen sind in raumgleicher Liebe.
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