Meditation und innere Einkehr stehen an erster Stelle: Ein Familienvater berichtet, wie ein ganz gewöhnlicher Wochentag bei ihm und seiner Familie beginnt.
Das Piepen meines Weckers reißt mich aus meinen morgendlichen Träumen. Es ist 6:22 Uhr. Ich drücke auf die Snooze-Taste und drehe mich auf den Rücken. Mein Schlaf ist morgens nicht sehr tief, meist reichen ein, zwei Piepser, um mich aufzuwecken. Draußen zwitschern die Vögel, vereinzelt brummen Autos vorbei. Ich sammele mich für den bevorstehenden Tag und rezitiere innerlich drei kurze Gebete, um mich positiv auf diesen Tag einzustimmen: „Mögen alle Wesen glücklich sein.“
Neben mir wälzt sich meine Partnerin auf die andere Seite; ich lausche ihren gleichmäßigen Atemzügen und den kürzeren, unregelmäßigeren meines jüngsten Sohnes. Um 6:30 Uhr meldet sich mein Wecker wie der. Ich setze mich auf die Bettkante, schlüpfe in meine Kleidung und stehe auf.
Ich schaue kurz ins Zimmer meines Ältesten: „Guten Morgen!“, und wecke die zwei Mädels. Auf dem Weg in die Küche schlurfe ich kurz ins Bad, putze mir die Zähne und spritze mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht. Dann setze ich den Wasserkessel auf den Gasherd, füttere unsere zwei Katzen, die maunzend nach Futter verlangen, und mache mich daran, Pausenbrote für unsere Kinder zu schmieren.
Um 6:45 Uhr drehe ich eine zweite Runde durch die Jugendzimmer: „Aufstehen! Jetzt!“ Dann setze ich mich auf die Couch, der Wasserkessel summt vor sich hin, ich blättere in einem Buch, bis ich um fünf vor sieben erneut die Runde drehe, nun etwas lauter, ärgerlicher: „Aufstehen jetzt! Der Bus fährt gleich!“ Die Kinder kommen verschlafen aus ihren Zimmern, schnappen sich ihr Schulzeug, vielleicht etwas Obst zum Frühstück und eilen zum Bus.
Ich brühe Kaffee auf und serviere meiner Liebsten eine Tasse ans Bett, hole unseren Jüngsten herüber und kuschele mich noch einmal für zehn, 15 Minuten zu den beiden unter die Decke. Dann stehen wir auf, mein Jüngster und ich. Ich mache ihm sein Müsli, er legt sich noch ein Ründchen zu den Katzen auf die Couch, bevor ich ihn um fünf vor acht zur Schule bringe.

Der kleine Gartentempel, in dem Michael Feike täglich meditiert.
Wieder zu Hause trinke ich eine Tasse Kaffee mit meiner Partnerin und plaudere ein wenig mit ihr. Dann dusche ich kalt, koche Tee und gehe, inzwischen ist es Vormittag, hinüber in unser Gartentempelchen, mal allein, mal in Begleitung meiner Partnerin. Dort verbeuge ich mich vor unserem Hausaltar, entzünde Räucherwerk, strecke meinen Körper mit ein wenig Yoga und setze mich dann auf mein Meditationskissen. Auf diesem Kissen sitze ich etwa eine Stunde, manchmal länger, manchmal kürzer, je nachdem, was der Tag sonst noch von mir verlangt.
Im Kuhstall nebenan röhrt die Melkmaschine, und unser Nachbar schimpft mit seinen Kühen oder lacht lauthals mit anderen Nachbarn, die ihre Milch bei ihm holen. Die Sonne wirft ihre Strahlen durch die einfach verglasten Sprossenfenster herein, oder der Regen trommelt gegen die Scheiben. Im Efeu auf dem Dach summen Bienen, Traktoren lärmen, Nachbarn mähen ihren Rasen und unterhalten sich. An schulfreien Tagen kommt gelegentlich mein Jüngster herüber und fragt mich irgendwas – manchmal setzt er sich für ein paar Minuten dazu.
Ich rezitiere meine Mantras und Gebete, sitze in stiller Versenkung, während ein Räucherstäbchen hier abbrennt und ich meine Sitzung mit einer Widmung zum Wohle aller Wesen und einem Schlag gegen meine Klangschale beende. Auf diese Art beginnen meist meine Wochentage – seit vielen Jahren. Meditation hat eine große Wichtigkeit für mich. Sie ordnet und strukturiert gleichermaßen meine Innenwelt wie auch mein äußeres Leben. Sie hat sozusagen höchste Priorität vor anderen Vergnügen und beruflichen Ambitionen.
Mein Leben ist gewissermaßen um meine Meditation herum organisiert. So verdiene ich etwa das nötigste Geld mit gelegentlichen Jobs und drei bis vier 24-Stunden-Schichten in der Schwerbehinderten-Assistenz. Ich halte mir so die Zeit frei für meine Familie und meine „innere Arbeit“.
Meditation ist wohl die größte Konstante in meinem Leben. Sie erfüllt mich mit Sinn und bringt Balance in meine Befindlichkeiten und Gefühle. Jeden Tag nehme ich hier eine bestimmte Haltung ein, unabhängig von den Höhen und Tiefen des Lebens, dem Auf und Ab, dem Hin und Her meines inneren Erlebens.
Mein Alltag ist erfüllt von Klängen, Geräuschen und Lärm – genau wie der Alltag der meisten anderen. Denn alles, was sich bewegt, und alles, was lebt, erzeugt ein Geräusch! Nicht jedes dieser Geräusche können wir hören. Das lauteste Tier auf der Erde ist der Blauwal, aber wir können sein Brüllen nicht hören, weil es außerhalb des für uns hörbaren Frequenzbereichs liegt.
Die Kirchenglocken in dem Dorf, in dem ich wohne, höre ich manchmal während meiner Meditation, manchmal nicht, je nachdem, wie tief meine Versenkung gerade ist. Geräusche sind ein Merkmal des Lebens und ob sie mich stören oder mir gar angenehm erscheinen, das liegt weniger an den Geräuschen als an meiner inneren Haltung dazu. Sehr selten ist es wirklich still um mich herum, und doch führe ich ein meist entspanntes, beschauliches Leben, und wenn es auch selten still ist, so ist doch viel Ruhe darin.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 131: „Alte Weisheit neu entdeckt"
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