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Leben

Im Buddhismus wird Glück als eine vergängliche Erfahrung betrachtet, die nur durch Loslassen und Achtsamkeit zu wahrer Zufriedenheit führen kann.

Im Deutschen gibt es lediglich ein einziges Wort für das Phänomen „Glück“, das in anderen Sprachen mit verschiedenen Begriffen wie „luck“, „fortune“ oder „happiness“ ausgedrückt werden kann. Glück ist also gar nicht so selbsterklärend, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Man muss sich manchmal schon Gedanken machen, was eigentlich gemeint ist.

Für die meisten Menschen ist Glück aber gar nichts Abstraktes: Jeder Einzelne erfährt es als Handelnder und ebenso als Betroffener und glaubt fast immer, es klar von seinem Gegenteil, dem Unglück, unterscheiden zu können.

Tatsächlich sind zumeist verschiedene Dinge gemeint: Glück als ein oft auch nur vorübergehender positiver Affekt: „Glück des Augenblicks“. Glück als die grundsätzliche Zufriedenheit mit dem Leben: „dauerhaftes Glück“ und Glück als Glückseligkeit.

Neben kurzen Freuden gibt es das bleibende Glück und schließlich noch eine Glücksverheißung, die über das Irdische ins Transzendente weist, so das „eudai monia“ der alten Griechen als das vollkommene Gute, in anderen Kulturen als Sehnsucht nach dem Mythos und einem Paradies in goldener Vorzeit und schließlich noch im Buddhismus als die Erfahrung des nirvanischen Erlöschens.

Glück erscheint als Frucht eigenen Handelns – wie in der Karmalehre oder der volkstümlichen Spruchweisheit, dass jeder seines Glückes Schmied sei – oder als etwas, dass einem als „lucky winner“ einfach zufällt. Das lateinische beatus bedeutet ursprünglich beschenkt oder mit Glücksgütern reich gesegnet zu sein. Davon abgeleitet ist felix mit der ursprünglichen Bedeutung „säugen, befruchtet, trächtig“. Im Unterschied dazu bezeichnet fortuna das Zufallsglück, gestiftet von der Göttin gleichen Namens. Glück kann also vieles und vor allem Unterschiedliches bedeuten.

Auch im Buddhismus ist oft von Glück die Rede, so in dem bekannten Ausspruch des Mettā-Sutta: „Mögen alle Wesen glücklich sein!“ Aber Buddha formulierte wohl bewusst keinen festen Maßstab, an dem dieses Glück zu messen wäre. Als glücklich wird einfach akzeptiert, was die Wesen glücklich macht. Ich erfreue mich am Glück der anderen, weil die anderen sich daran erfreuen, mögen die Anlässe nichtig, die Erfahrungen auch noch so oberflächlich und vergänglich sein.

Ist also der buddhistische Glücksbegriff völlig beliebig?

Nein, denn Buddha warnte vor der „Jagd nach dem Glück“ als Ausdruck von Unwissenheit und Verlangen. Eine vergängliche Welt hat nur vergängliches Glück zu bieten. Wer daran anhaftet, stürzt sich in Leiden und Unglück.

Der „Hans im Glück“ aus dem grimmschen Märchen war eigentlich gar kein Tor, sondern ein Mensch, der die Kunst des glücklichen Lebens wirklich verstand. Ein kryptobuddhistischer Glücksheld, der in jedem Akt des Verlierens nur den immateriellen Gewinn erblickte, den außer ihm aber keiner seiner Mitmenschen sah, die nur den materiellen Verlust hochrechneten.

Die Freuden der Versagung, des Verzichts und des Loslassens, das sind die Quellen buddhistischen Glücks. Wahres Glück ist die Freude an der Lehre „Dharma Happiness“. Solches Glück heißt sukha und ist seinem Wesen nach außerweltlich. In der vergänglichen und leidhaften Welt ist bleibendes Glück nicht zu erlangen – das ist der Kern der buddhistischen Glückslehre. Nicht ein Leben voll hedonistischer Freudenmomente ist erstrebenswert, sondern das stille Glück eines einfachen Lebens voller Bescheidenheit.

Buddha wusste um die Vergänglichkeit des Glücks und wie schnell es jederzeit in sein Gegenteil umschlagen kann. Im Chinesischen gibt es ein Sprichwort 塞翁失馬 „Sài Wēng shī mǎ“ — „Sai Weng verliert ein Pferd“, das nur aus vier Schriftzeichen besteht, hinter dem sich aber eine längere Geschichte mit einer Lebensweisheit verbirgt, die in China schon jedes Kind kennt.

Dem alten Sai Weng war einst ein Pferd zugelaufen. Als die Nachbarn kamen, um ihm zu diesem Glücksfall zu gratulieren, wies er die guten Wünsche weit von sich und meinte, man werde noch sehen, ob es wirklich ein Glücksfall sei oder nicht. Drei Tage später war das Pferd leider wieder weggelaufen. Als die Nachbarn dieses Mal kamen, um Sai Weng über den Verlust zu trösten, wollte er auch den Trost nicht akzeptieren und meinte bloß, man werde noch sehen, wozu es gut sei.

Schon nach kurzer Zeit kam das Pferd unerwartet wie der zu dem alten Mann zurückgelaufen und führte so gar noch ein zweites mit sich. Die erneuten Glückwünsche der Leute interessierten ihn jetzt genauso wenig wie die Tröstungen zuvor. Einige Tage später ritt sein Sohn mit dem neuen Pferd aus. Beim Reiten stürzte er und brach sich ein Bein. Auf die Klagen und mitfühlenden Worte der Leute erwiderte Sai Weng nur: „Wer weiß, wozu es gut ist.“

Kurz darauf begann ein Krieg, und alle jungen Männer zogen ins Feld, wo viele starben. Nur Sai Wengs Sohn blieb mit seinem gebrochenen Bein zu Hause und damit am Leben.

Den vier Zeichen werden oft vier weitere hinzugefügt, welche die Geschichte noch einmal auf den Punkt bringen, nämlich in Form der Frage: „Wie wissen, was kein Glück ist?“ 焉知非福 – Yān zhī fēi fú?

Die buddhistische Glückslehre ist ein Abgesang auf das vergängliche Glück, wie es etwa im Anfangschor in Carl Orffs „Carmina burana“ besungen wird: „O Fortuna! Schnell wie Luna […] Licht gewonnen, Licht zerronnen […] Stolze Tage – Schwinden wie der Schnee dahin.“

Im Buddhismus geht es um das Glück, das von Dauer ist und doch gleichzeitig in jedem Augenblick gegenwärtig. Nicht ganz unähnlich Peter Handkes „Versuch über den geglückten Tag“ ist ein glücklicher Tag ein solcher voller geglückter Augenblicke.

Und ein geglückter Augenblick ist ein Augenblick voller Achtsamkeit, in dem ich mich aus meiner Gedankenwelt riss und meinen Konzepten, als ich das Leiden einer alten Frau und das fröhliche Lachen eines Kindes sah und in mir spürte.

Am Ende ist die buddhistische Glücksvorstellung äußerst bescheiden: Wahres Glück ist, wenn einem im Leben kein Unglück widerfährt.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 131: „Alte Weisheit neu entdeckt"

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Dr. Hans-Günter Wagner

Dr. Hans-Günter Wagner

Hans-Günter Wagner ist ein traditionsübergreifender Buddhist. Er war fünfzehn Jahre in China beruflich tätig und studierte dort den chinesischen Buddhismus. Heute ist er Chinesisch-Lehrer und Übersetzer buddhistischer Prosa- und Lyrikwerke.
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