Wie lassen sich nicht nur Liebe, sondern auch die Leidenschaft in einer langen Partnerschaft lebendig halten?
Sabine und Klaus sind seit vielen Jahren zusammen. Sie sind ein „gutes“ Paar, wie man so sagt. Sie meistern ihren Alltag gelassen, sind sich verlässliche Partner im täglichen Wahnsinn und haben vieles gemeinsam geschafft. Ein Haus. Zwei Autos und ein kleines Boot auf dem See. Sie verstehen sich fast blind, und jeder lässt dem anderen genug Freiraum, sich zu entfalten.
Die Kinder sind aus dem Haus, und beide nutzen die Zeit gerne für ihre eigenen Interessen. Sabine trifft sich mit ihren Freundinnen, besucht Yoga-Retreats, und Klaus genießt es, mit seinen Kumpels einmal im Jahr wandern zu gehen. Ein ganz normales Paar, oder? Und doch fehlt ihnen irgendetwas. So ganz glücklich sind sie dann doch nicht. Klaus bringt es auf den Punkt. Ihm fehlt der Sex.
In seinen Augen bedeutet Sex Penetration. Und Susanne hat keine Lust darauf. In ihrer Vorstellung braucht man dieses Eine nicht mehr so, wenn man über 55 ist. Sex ist überbewertet, findet sie. Zumindest sagt sie das. Dabei hatten die beiden früher richtig viel Spaß im Bett, und genau den vermisst Klaus. Doch irgendwie fällt es ihm schwer, Susanne zu mehr Intimität zu bewegen. Seine Verführungsversuche scheitern, und mittlerweile ist er auch müde geworden, es zu versuchen. Ihr Sexleben ist träge geworden. Manchmal, nach ein der zwei Gläsern Wein passiert es dann doch – und zugegebenermaßen –, es ist dann auch meistens ganz schön. Sagen beide.
Warum passiert es nicht öfter? Was ist da los?
Jede Beziehung steht auf zwei Säulen im besten Fall: auf der Erotik- und der Liebessäule.
Am Anfang einer Beziehung investieren die meisten Paare voller Leidenschaft und Kreativität, Verlangen und Sehnsucht in die Säule der Erotik. Da wird ausprobiert, werden Liebesspielzeuge gekauft, Dates vereinbart und die Sexualität zelebriert. Da hat man noch Zeit dafür und sie sich auch genommen. Mit dem anderen zu knutschen, ihn zu berühren, war wohl das Schönste auf der ganzen Welt. Man hat geforscht und entdeckt und konnte nicht genug bekommen. Man hat investiert und wurde belohnt. Mit Nähe und Verbundenheit.
Aus der Sicherheit heraus hat man angefangen, in die Liebessäule zu investieren. Das Kuscheln auf dem Sofa, wunderbar, die gemeinsamen Zukunftspläne, geliebte Rituale wurden etabliert. Und schwups, so schnell kann man kaum schauen, investieren Paare mehr Zeit in die Auswahl ihrer nächsten Netflix-Serie als in ihr Vorspiel. Wobei der Begriff des Vorspiels schon suggeriert, dass das, was dann kommt, der eigentliche Höhepunkt sein soll. Doch der kommt bei den meisten Frauen eben nicht.
Sicher ist, dass Frauen per se genauso viel Lust auf Sex haben wie Männer.
Mehr als 65 Prozent aller Frauen bleibt der Genuss des Orgasmus verwehrt. In der Fachsprache nennt man das den „Orgasmus-Gap“. Ich nenne ihn gern den Orgasmus-Canyon. Wenn Männer so wenig kommen würden wie Frauen, wäre die Menschheit schon längst ausgestorben.
Was also könnte der Grund für Frauen sein, überhaupt irgendwelche Intimitäten zu leben? Was wäre ihre Motivation?
Das bringt uns schon fast zur Lösung. Aber nur fast. Frauen sind nun mal nicht so einfach auf eine Formel herunterzubrechen. Sicher jedoch ist, dass Frauen per se genauso viel Lust auf Sex haben wie Männer. Nur muss der einfach anders sein. Ohne Ziel. Absichtslos. Langsamer, kreativer, intensiver und vor allen Dingen wollen sie sich begehrt fühlen. Das ist die Geheimzutat für ein intaktes Liebesleben. Wer also mehr Lust und Sinnlichkeit erleben möchte, der könnte damit anfangen, seine Frau zu begehren, sie als weibliches sexuelles Wesen wahrzunehmen.
Nur wie?
Im Fall von Susanne ist das gar nicht so einfach. Sie kann alles viel schneller als Klaus. Egal, ob es sich um Onlinebestellungen handelt, um die geplante Urlaubsreise oder um den nächsten Restaurantbesuch. Während Klaus noch nachdenkt, hat Susanne schon alles erledigt. In Rekordzeit. Klaus hätte das auch geschafft. Irgendwann und wahrscheinlich auch nicht ganz zur Zufriedenheit von Susanne. Er hat schon länger das Gefühl, dass er vieles nicht richtig macht. Tja, und im Bett eben auch nicht.
Klaus hat sich deshalb aus vielen Dingen zurückgezogen, und Susanne hat das Ruder übernommen. Er begehrt sie nicht mehr als Frau – aber er bewundert ihre Fähigkeiten.
Meist ist das ein schleichender Prozess. Und dann sitzt er schon mittendrin. In der Mutti-Falle. Hier ist es bequem, heimelig und gemütlich. Aber eben nicht mehr sexy. Susanne backt schon den gleichen Hefezopf wie seine Mama, und irgendwie ist die ganze Atmosphäre auch eher mütterlich. Wie auch das Begrüßungsbussi, wenn einer nach Hause kommt. Und am Abend, wenn beide beim Essen sitzen, sagt Klaus mittlerweile: „Mutti, gib mir mal die Butter bitte.“ Nur – es liegt ja fast auf der Hand – will Mutti nicht mit ihrem Bub schlafen.
Wir brauchen Polarität. Spannung. Anziehung. Einer, der begehrt, und einer, der sich begehrlich zeigt. Nur, wie kommt man aus der Mutti-Falle wieder heraus? Im ersten Schritt geht es immer um eine Bestandsaufnahme: Ist das etwa auch so bei uns?
Wie haben wir die Rollen verteilt? Reiße ich alle Aufgaben an mich? Traue ich meinem Partner etwas zu? Bin ich zu Hause nur noch bequem? Wann sehe ich meinen Partner als sexuelles Wesen mit ganz eigenen Bedürfnissen und Wünschen? Wie sehe ich ihn an? Wie berühre ich ihn? Und eine ganz einfache Frage: Wann küssen wir uns mit Zunge? Wie viel Zeit haben wir für echte Intimität reserviert? Wann schenke ich meinem Partner meine Präsenz – ohne Handy!
Falls ihr, liebe Frauen, den Eindruck gewonnen habt, dass ihr euren Mann muttisiert habt, könnt es sich lohnen, ihm wieder mehr Platz machen. Ihm etwas zuzutrauen. Auch wenn es vielleicht länger dauert.
Und, liebe männliche Leser, werdet wieder etwas unbequemer und macht euer Ding. So wie ihr es für richtig haltet.
Dazu muss man sagen, dass es sich mit der Mutti-Falle ganz bequem leben lässt. Nur die Sexualität bleibt da eben gerne auf der Strecke. Denn der muttisierte Mann traut sich kaum, am Abend den leidenschaftlichen Latin Lover rauszuholen. Und den wünscht sich dann doch die ein oder andere Frau.
Wenn ich meine Klientinnen frage, wie sie es fänden, einmal leidenschaftlich an die Wand gedrückt und geküsst zu werden, dann säuseln sie oft: „Ja, das wäre schön.“ Der dazugehörige Mann rollt dann meistens die Augen und versteht die Welt nicht mehr. Tja, wie meine sehr berühmte amerikanische Kollegin Esther Perrel einmal gesagt hat: „Emanzipation hört im Bett auf, und das, wofür Frauen tagsüber demonstrieren, verliert im Bett seine Bedeutung.“
Wie also sollen zukünftig Sinnlichkeit und Intimität aussehen? Wie könnten sie gemeinsam gestaltet und upgedatet werden? Jedes ehrliche und achtsame Gespräch über Intimität ist Gold wert.
Ganz wichtig: Intimität und nicht penetrativer Sex. Denn eins ist klar. Wenn wir den ganzen Tag in unseren unendlichen Rollen umherwirbeln, braucht es am Abend oft nur eine kleine Sexualität, um das Feuer wieder zu entfachen. Um sich begehrt zu fühlen. Wenn beide nur sicher vereinbaren könnten, dass sie – weil gestresst – nur nackt knutschen wollen, dann wäre das Eis gebrochen. Wenn beide keinen Druck, sondern nur Freiheit verspüren, könnte in dieser kleinen Mikrosexualität wieder so viel mehr entstehen: authentische Magie und Leidenschaft.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 132: „Liebe, Sex und Achtsamkeit"
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