Die alten Griechen feierten die Erotik als selbstverständlichen Teil des Lebens – von freier Liebe über Prostitution bis zur Verehrung der Schönheit.
War die Kultur der alten Griechen ein einziger Lobgesang auf den heiteren Genuss der sinnlichen Freuden, gilt dies im besonderen Maß für die Sexualität. Man hält die Griechen gar für die „größten Lebenskünstler auf dem Gebiet der Erotik“, denn sie stellten die Erotik in den „Mittelpunkt ihres gesamten privaten wie öffentlichen Lebens“.
Es war etwas Selbstverständliches, sich über erotische Themen freimütig auszutauschen und sie ohne Scham oder Heimlichkeit zu praktizieren. Sie bewunderten die Schönheit des menschlichen Körpers, die sie in täglichen Besuchen der öffentlichen Sportstätten kultivierten, wo sie nackten Jünglingen beim stundenlangen Training zusahen.
Ihren höchsten Ausdruck aber fand dieser Enthusiasmus in der bis heute unerreichten Darstellung des menschlichen Körpers in der klassischen griechischen Skulptur.
Das Eheleben im alten Griechenland legte es nahe, die sexuellen Freuden anderswo zu suchen. Man heiratete nicht aus Liebe, sondern zur Sicherstellung des Nachwuchses, aus Bürgerpflicht, um der Mitgift willen und für einen geordneten Haushalt. Die Ehefrau war unumschränkte Herrin des Hauses, aber auch darauf beschränkt.
Das Eheleben im alten Griechenland legte es nahe, die sexuellen Freuden anderswo zu suchen.
Die Prostitution, weibliche wie auch männliche, war weitverbreitet. Bei den käuflichen Frauen unterschied man drei Gruppen: diejenigen, die in Bordellen arbeiteten, die „Pornai“. Sie waren zahlreich. In der Hafenstadt Korinth „wimmelte“ es nur so von Bordellen aller Abstufungen. Das Bordellwesen in Athen führt man auf Solon zurück (640–560 v. u. Z.), dem Vater der attischen Demokratie, der die gesetzliche Grundlage für das Bordellwesen gelegt haben soll. Bordellbesitzer mussten eine jährliche Steuer zahlen.
Eine zweite Gruppe bildeten Frauen, die zu den Gastmählern bestellt wurden, wo sie tanzten, Flöte spielten und zur fortgeschrittenen Stunde auch für weitere Dienste zur Verfügung standen.
Berühmt waren die Frauen der dritten Gruppe, die „Hetären“, häufig gebildete und geistreiche Gesellschafterinnen. Nahezu alle Politiker, Künstler und Philosophen unterhielten Beziehungen zu Hetären. Viele Namen von Hetären sind heute noch bekannt, wie „Aspasia“, deretwegen Perikles, der Erbauer der Akropolis, seine Frau verließ, oder „Lais“, die dem Bildhauer Praxiteles für die Aphrodite von Knidos Modell gestanden haben soll. Die erfolgreichsten Hetären erwarben ein Vermögen.
Gesellschaftlich hatte der Verkehr mit Prostituierten genauso wenig Anstößiges wie der außereheliche Geschlechtsverkehr, jedenfalls für die Männer. Sprichwörtlich wurde ein Ausspruch des Demosthenes (384–322 v. u. Z.), eines berühmten athenischen Redners, zitiert: „Die Hetären hat man um der erotischen Freuden willen, gewöhnliche Prostituierte zum täglichen Vergnügen, die Ehefrauen, um Kinder zu erzeugen und eine treue Hausverwalterin zu haben.“
Weitverbreitet war die Tempelprostitution. Es soll Heiligtümer gegeben haben, in denen sich bis zu 1.000 Tempeldienerinnen jedem hingaben, der sie aufsuchte. Auch Jünglinge sollen solche Dienste angeboten haben. Homosexualität war sehr verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert, vor allem die männliche, aber auch die weibliche. Berühmtheit erlangte die Dichterin Sappho (zwischen 630 und 612 bis 570 v. u. Z.) von der Insel Lesbos, woher die Bezeichnung „lesbische Liebe“ kommt. In Liebesglut für ihre Schülerinnen entbrannt, wurde sie zur bedeutendsten Lyrikerin des klassischen Altertums.

Sappho von Lesbos (ca. 630–570 v. u. Z.). Gemälde von John William Godward (1904). Durch ihre Poesie, die die Liebe zwischen Frauen einschloss, gab sie dem Begriff „lesbisch“ seine moderne Bedeutung.
Unter Männern galt die Liebe insbesondere den Jünglingen, die allerdings nur dann straffrei war, wenn diese die Geschlechtsreife erlangt hatten. Die griechische „Knabenliebe“, griechisch „Pädophilie“, war eine Eigentümlichkeit, die auf ästhetischen, religiösen und kulturellen Wurzeln beruhte. Sie hatte eine starke erzieherische Komponente und galt – zu unserer Verwunderung – als Urquell bürgerlicher und persönlicher Tugend.
Sie wurde nicht als ehefeindlich angesehen, sondern ergänzte die Ehe als wichtiger außerehelichen Erziehungsfaktor.
In den dorischen Städten erwartete man von jedem Mann, dass er sich einen Jüngling zum Liebling wählte, und verübelte es den Knaben, wenn sie sich keinem älteren Mann anschlossen. In enger Freundschaft, die nicht immer, aber häufig auch sexuellen Kontakt einschloss, sollte der Charakter des Jünglings ausgebildet werden. Die griechische Knabenliebe, oder besser die Liebe zu Jünglingen und jungen Männern, war weit verbreitet und gesellschaftlich anerkannt. Man kann von einer ausgesprochenen Bisexualität der altgriechischen Bürgergesellschaft sprechen.
Auch Transvestiten gab es im Altertum, insbesondere in der römischen Gesellschaft, wo teilweise in wilden Orgien eine bunte Promiskuität und teilweise extreme sexuelle Praktiken ausgelebt wurden. Wir hören auch von Trans- und Zweigeschlechtlichkeit, auf Griechisch „Androgynie“. Die griechische Mythologie kennt zweigeschlechtliche Hermaphroditen. Häufig erzählt wurde die Geschichte des Sehers Teiresias, der zu einer Frau wurde, als er eine Schlange verwundete, die er bei der Paarung beobachtete. Auf Empfehlung Apollons verwundete er beim nächsten Mal die andere Schlange und wurde wieder zum Mann.
Es soll Heiligtümer gegeben haben, in denen sich Tempendienerinnen jedem hingaben, der sie aufsuchte.
Als die Götter Zeus und Hera stritten, welches Geschlecht beim Liebesakt größere Lust empfinde, fragten sie Teiresias, der ja beides kannte. Der Mann empfinde nur ein Zehntel der Freuden, die Frau aber zehn Zehntel, war seine Antwort. Merkwürdigerweise war Hera unzufrieden mit der Antwort und bestrafte Teiresias mit Blindheit. Zeus hingegen verlieh ihm die Gabe der Weissagung.
Masturbation war unter Männern wie unter Frauen verbreitet und genauso wenig anstößig wie alle bekannten Spielarten der Liebe. Sie sind uns durch zahlreiche Abbildungen auf Keramiken überliefert. Sexuelle Perversionen soll es bei den Griechen – im Gegensatz zum späteren Rom – wenig gegeben haben. Vielleicht gaben die große Freizügigkeit und Unbefangenheit in sexuellen Dingen ausreichend Gelegenheit zur Triebbefriedigung. Dies dürfte sowohl für das griechische Bürgertum als auch für die große Zahl von Sklaven gegolten haben, die für die ökonomische Basis der griechischen Hochkultur sorgten.
Berühmt geworden ist schließlich die Sublimierung des sexuellen Triebs, die Sokrates (469–399 v. u. Z.) in dem platonischen Dialog „Das Gastmahl“ vorträgt. Nach eigenem Bekunden soll er sie von seiner Lehrerin, der weißen Diotima, gehört haben. Danach führt die Erotik über mehrere Stufen zur höchsten Form, die in der Liebe zur Philosophie und in der Erkenntnis der Wahrheit gipfelt.
Zunächst entbrennt man für die Schönheit eines konkreten Menschen, dann entdeckt man die Schönheit in allen menschlichen Körpern, von da gelangt man zur Schönheit der Seele und des Geistigen, bis man zur Idee der Schönheit schlechthin aufgestiegen ist, die identisch mit der Idee des Guten, Wahren und Gerechten ist. Hier erst findet das machtvolle Drängen des Eros, des „ältesten Gotts“, sein letztes Ziel.
So versöhnten die Griechen ihre tiefe Sinnlichkeit mit ihrer höchsten Ethik.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 132: „Liebe, Sex und Achtsamkeit"
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