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Leben

Das Alter als Chance nutzen, um sich selbst zu entdecken, das zu tun, was wirklich erfüllt, und das Leben mit all seinen Facetten anzunehmen.

Vor einiger Zeit lernte ich einen Begriff, der bisher in meinem englischen Wortschatz nicht vorkam: „longevity“. Plötzlich war er auch im deutschen Sprachraum aufgetaucht wie ein erhobener Zeigefinger: Tust du auch alles dafür, lange zu leben? Treibst du genug Sport, hast du unterstützende soziale Kontakte, und wie sieht eigentlich deine Ernährung aus?

In den Medien wird uns Altern zunehmend als ein Programm verkauft, das wir zu absolvieren haben. Das Zauberwort für eine erfolgreiche Teilnahme am Programm Altern heißt „noch“. Wir atmen auf, wenn wir noch keine Brille brauchen, immer noch 20 Kilometer wandern oder eine Nacht durchfeiern können.

In diesem Wort verbirgt sich unsere Befürchtung, dies könnte bald nicht mehr möglich sein. Sobald wir eine Tätigkeit mit dem Wort „noch“ verbinden, erlauben wir einer Zukunft, die gar nicht da ist und so vielleicht nie kommen wird, unsere Gegenwart zu überschatten. Aber das Wort trägt auch die Vergangenheit in sich, denn es schleppt unsere früheren Vorlieben und Entscheidungen mit ins Jetzt, und wir vergessen, uns zu fragen, ob wir das alles überhaupt weiterhin tun wollen.

Ein Zen-Meister sagte einmal zu mir, er lehre eigentlich nur eins: „Sag radikal Ja zu allem, was ist.“

Meine wahre Aufgabe im Alter ist, zu entdecken, wer ich wirklich bin.

Das Alter ist die beste und letzte Möglichkeit, diese befreiende Radikalität zu entdecken und zu praktizieren. Im Allgemeinen assoziieren wir ein Ja mit Mögen. Das radikale Ja des Zen aber ist unabhängig von unserer Interpretation der Situation: Wir sagen vielmehr Ja zu dem, was ist, weil es ist.

Wenn wir im Alter auf unser Leben zurückblicken, gibt es vieles, was wir uns so nicht ausgesucht hätten. Der Mann hat uns verlassen, der Kinderwunsch hat sich nicht erfüllt, und trotz lebenslanger Arbeit ist die Rente karg.

Wollen wir wirklich die zehn, 20 Jahre oder vielleicht auch nur sechs Monate, die uns bleiben, mit Groll und Enttäuschung verbringen? Nein, das wollen wir nicht, und deshalb sagen wir: „Ja, ich lebe allein, ja, ich habe wenig Geld.“ Eine Situation ohne Wenn und Aber anzunehmen, ist ungemein befreiend. Das bedingungslose Akzeptieren schenkt inneren Frieden, und in der neu gewonnenen geistigen Weite entsteht Raum für neue Ideen.

In der Achtsamkeitspraxis ist viel von Anhaften und Loslassen die Rede. Wir alle haben uns schon an Träume, Menschen oder Lebenssituationen geklammert, die wir nicht erfüllen oder halten konnten. Die Aufforderung, „doch einfach loszulassen“, erweckt unsere tiefste Angst vor Verlust jeder Art.

Aber wir müssen keine Partnerschaft beenden oder uns von Liebgewordenem trennen – wir lösen uns nur von unserer Identifikation mit unseren Wünschen, Ängsten und Hoffnungen.

Mit Interesse beobachte ich, dass ich mit zunehmendem Alter gar nichts mehr loslassen muss: Meinungen, Überzeugungen, Pläne und sogar Beziehungen, die nicht mehr stimmig sind, lösen sich von selbst auf, und die Dinge beginnen, sich auf organische Weise zu ordnen.

Ich praktiziere seit über 40 Jahren Zen, und die Struktur, die meine Praxis mir gegeben hat, war sehr wertvoll. Aber ich setze mich nicht mehr automatisch jeden Morgen auf mein Kissen, nur weil ich das jahrzehntelang getan habe. Manchmal gehe ich um sechs Uhr in den Wald und höre den Vögeln beim Erwachen zu.

Vielleicht begreife ich erst heute, was es bedeutet, die Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Wenn man 70 oder mehr Jahre gelebt hat, sollte man wissen, was einem guttut und was nicht. Wir wussten das sicher auch schon vorher, aber erst jetzt sind wir bereit, unserem Wissen zu folgen, vielleicht radikal zu folgen. Ich bin introvertiert und habe immer sehr zurückgezogen gelebt, mich aber früher oft gezwungen gefühlt, an als sozial wertvoll geltenden Aktivitäten teilzunehmen.

Heute sagt mir gelegentlich jemand stirnrunzelnd, ich müsse mehr unter Menschen gehen, „gerade in deinem Alter“. Falls die Person empfänglich dafür ist, sage ich ihr, was ich als meine wahre Aufgabe im Alter empfinde: zu entdecken, wer ich wirklich bin.

Denn das Alter ist die Zeit der Spiritualität. Wenn wir jung sind, müssen wir uns manchmal um Versenkung bemühen. Dort draußen lockt das bunte Leben, und wir sollen auf dem Kissen sitzen und atmen? Jetzt aber fühlt sich Versenkung in unsere Tiefe an, als würden wir unser wahres Element berühren.

Im alten Indien durften sich Männer und Frauen, nachdem sie ihre Familie gegründet und die Kinder aufgezogen hatten, im letzten Lebensabschnitt in die Berge zurückziehen, um ihre Spiritualität zu entdecken und zu vertiefen. Das Eintauchen in die innere Stille kann jetzt auf eine Weise beglückend sein, die wir nie zuvor kannten.

Kurz vor seinem Tod sprach der Buddha einen Vers, der zuerst die relative Wahrheit darstellt: „Alle bedingten Gebilde sind unbeständig. Sie sind Erscheinungen, abhängig von Geburt und Tod.“ Das weiß man, wenn man lange gelebt hat. Aber dann spricht der Buddha von der absoluten Wahrheit: „Wenn Geburt und Tod nicht länger existieren, ist das vollkommene Verstummen Freude“, Ekottara Agama, Sutta Nr. 18.

Wann, wenn nicht am Ende des Lebens, kann der Urgrund des Seins berührt werden, in dem es weder Geburt noch Tod gibt, in dem wir keine bestimmte Person mehr sind, sondern eins mit allem, was ist.

Wie viel Kraft habe ich früher mit dem Schmerz über verweigerte Chancen und unerwiderte Liebe vergeudet.

Diese Energie steht mir jetzt zur Verfügung. Die schlichten Anweisungen meines langjährigen Lehrers Thich Nhat Hanh, immer aufs Neue innezuhalten und bewusst zu atmen, lösen auf sanfte Weise die Prägungen, die uns unfrei machen, auf, damit wir das einzige Ziel jeder spirituellen Praxis erreichen: unser wahres Selbst zu realisieren.

Und das ist kein Egoismus, denn ein Mensch, der in innerer Freiheit lebt, braucht nichts mehr von den anderen, manipuliert sie nicht und er schafft durch seine bloße Anwesenheit Frieden in seiner Umgebung.

Im letzten Jahr saß an meiner Straßenecke oft ein alter Mann auf seinem Rollator und beobachtete, was sich da so tat. Aufmerksam sah er den Autos hinterher, wendete seinen Kopf hierhin und dorthin und lächelte den Kindern zu. Er schien einverstanden zu sein mit seiner Situation und saß würdevoll auf seinem Rollator, als wäre er ein Terrassenmöbel.

Diese Gelassenheit stellt sich ein, wenn wir in den Dramen, die um uns herum inszeniert werden, nicht mehr mitspielen.

Das Alter ist auch auf der weltlichen Ebene die Zeit der Rückkehr in etwas, das wir kurz nach der Geburt verloren haben.

Wir wurden den Vorstellungen unserer Eltern und Erzieher unterworfen und in die Zwänge des sozialen Miteinanders eingeführt. Das Alter zeigt uns, was davon wir behalten wollen, weil es zu uns gehört, und was sich künstlich anfühlt, weil es uns von anderen aufgedrängt wurde. Mein Tagesablauf und meine Interessen werden immer einfacher. Aber im gleichen Maß wächst ein tiefes Glücksgefühl: die Freude daran, einfach nur zu sein und die Energie zu spüren, die mich mit Menschen, Tieren und Pflanzen verbindet – den pulsierenden, sich unablässig verändernden Strom der Lebendigkeit.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 132: „Liebe, Sex und Achtsamkeit"

Cover UW132 Liebe Sex Achtsamkeit


 Bilder © Ursache/Wirkung


Margrit Irgang

Margrit Irgang

Margrit Irgang, Schriftstellerin und Meditationslehrerin, praktiziert Zen seit 1984, seit 1992 bei Thich Nhat Hanh.Sie leitet Retreats, schreibt Bücher und für Rundfunksendungen zu den Themen Spiritualität und Achtsamkeit und bloggt auf:www.margrit-irgang.blogspot.de.
Kommentare  
# Beate Zwochner 2026-09-18 07:47
Diese Gedanken tuen mir richtig wohl und wirken tröstend und friedenstiftend
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