Um unsere wirklichen Bedürfnisse zu erkennen und seelische Verletzungen aufarbeiten zu können, müssen wir nach innen schauen, doch das kann schwierig sein, wie folgende Geschichte zeigt.
Eine Frau kam in Psychotherapie. Sie sagte, dass sie mit ihrem Leben unzufrieden sei. Sie war eine engagierte Mutter und beruflich erfolgreich.
Am Wochenende verbrachte sie die meiste Zeit mit der Familie.
In der Therapie zog sie Bilanz: Sie habe alles, was sie sich immer gewünscht habe: liebevolle Kinder, einen verständnisvollen Mann und einen guten Job. Trotzdem sei sie nicht glücklich.
Was ihr genau fehlt, konnte sie nicht sagen.
In der Therapie behielt die Frau immer die Kontrolle über die von ihr angesprochenen Themen. Sie überlegte schon vor der Stunde, was sie dieses Mal bearbeiten wollte.
Einmal ging es um die Beziehung zu ihrem Mann, ein anderes Mal um den Stress im Job. Sie war fast immer im Kopf und selten auf der Gefühlsebene.
Gleichzeitig wechselte sie die Themen schnell und verhinderte dadurch, in die emotionale Tiefe zu gehen.
Daher bat der Therapeut die Betroffene, die Augen zu schließen und sich auf den Atem zu konzentrieren. Sie wurde unruhig, blieb aber an der Übung dran. Nach einiger Zeit hatte sie Tränen in den Augen.
Sie erzählte, dass sie innerlich ein starkes Gefühl der Leere spüre. Diese Leere sei ihr so unangenehm, dass sie am liebsten davonlaufen möchte.
Der Therapeut bat die Frau, dieses Mal nicht zu flüchten, sondern in die Leere hinein zu spüren.
Jetzt tauchten bei ihr alte Bilder von Minderwertigkeitsgefühlen und seelischen Verletzungen auf. Sie erinnerte sich, dass sie in der Schule aufgrund ihres Aussehens jahrelang gemobbt wurde.
Damals habe sie beschlossen, ihre Mitschülerinnen zu ignorieren und sich auf das Lernen zu konzentrieren. Auch als Erwachsene tat sie alles, um die alten Minderwertigkeitsgefühle nicht mehr zu spüren.
Sie stürzte sich in die Arbeit und ins Familienleben.
Seelische Verletzungen aufzuarbeiten bedeutet hinzusehen. Es bedeutet, zu fühlen.
In der Therapie lernte sie, die alten Verletzungen zuzulassen und zu heilen.
Sie stellte sich vor, wie sie dem verletzten Teenager-Ich Liebe und Herzenswärme schenkte. Damit änderte sich auch viel im Erwachsenenleben.
Sie vertraute ihren Gefühlen und entschied weniger mit dem Kopf.
Sie suchte ihr Glück weniger in der Arbeit, sondern hörte mehr auf ihre innere Stimme. So hatte sie das Bedürfnis nach mehr emotionaler Nähe mit ihrem Mann.
In der Arbeit machte sie keine Überstunden, sondern verbrachte diese freie Zeit in der Natur.
Dazu passt ein Zitat von Buddha: „Frieden kommt von innen. Suche ihn nicht draußen.“
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 129: „Kraftquellen"
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