Achtsamkeit & Meditation

Ein Budo-Lehrmeister, eine Ergotherapeutin und eine Traumatherapeutin zu den Sinnen als Tor zur Welt.

Warum sollte man sich mit den Sinnen auseinandersetzen?

Ela Buchwald: Die Sinne sind das erfahrbare Tor zur Welt, sie verbinden uns mit dem Außen. Für uns ist der sechste Sinn wichtig: der Körperwahrnehmungs-Sinn. Sich unmittelbar körperlich-sinnlich zu erfahren bedeutet, lebendig mit sich verbunden zu sein.

Susan Tiedt: Die Sinne sind elementar für unser Leben. Über sie nehmen wir die Welt und uns selbst wahr. Je bewusster wir die Sinne einsetzen, desto sensibler wird die Wahrnehmung, und wir entwickeln uns spezifischer.

Jörg-M. Wolters: Weil man über seine Sinne bewusst leben, sein Leben im aktuellen Moment konkret erlebend spüren kann. Das ist lernbar und macht innerlich glücklich.

 

Wie kann Achtsamkeit helfen, Sinneserfahrungen zu vertiefen?

Buchwald: Achtsamkeit hilft, sich seiner Sinne bewusst zu werden. Die Gedanken sind oft laut, lassen keinen Raum, die Lebendigkeit des Jetzt zu spüren. Die Aufmerksamkeit auf eine Sinneswahrnehmung zu lenken, verändert die Situation sofort.

Tiedt: Wenn wir achtsam im gegenwärtigen Moment innehalten und eingerichtet im Hier und Jetzt sind, nehmen wir Sinneserfahrungen ganz bewusst, ohne Ablenkung wahr. Das öffnet einen Raum der Tiefe und Vielfalt, innen und außen.

Wolters: Nur durch bewusste Achtsamkeit lassen sich Sinneseindrücke intensiv wahrnehmen – genau wie auch die eigenen Gedanken, Gefühle, Situationen oder Handlungen.

 Welt

Gibt es eine kurze Übung, die Sie empfehlen würden?

Buchwald: Handauflegen: bequem sitzen, Körpergewicht sinken lassen, Hände entspannt auf Bauch oder Oberschenkel legen. Die Aufmerksamkeit auf die Hände lenken, Wärme spüren, entspannt atmen und sich über die eigene Berührung, die nichts will, mit sich selbst verbinden.

Tiedt: Bei der 5-4-3-2-1-Übung werden nacheinander fünf Dinge, die ich sehe, höre und fühle, benannt, danach vier, dann drei und so weiter. Das hilft auch, die Gedanken zu stoppen, in diesem Augenblick anzukommen, die Sinne zu schärfen und insgesamt zu entspannen.

Wolters: Als Budo-Lehrer und -Therapeut arbeite ich mit Achtsamkeit in Bezug auf Körper und Bewegung, da ist meine Empfehlung eine Übung, die Bewegung wahrzunehmen und achtsam zu steuern: Einfach so langsam wie möglich, so minimal wie möglich, aber kontinuierlich ohne Stopp, also von außen kaum sichtbar, den Kopf mit geschlossenen Augen nach rechts und/oder links drehen.

 

Was kann man gegen Reizüberflutung tun?

Buchwald: Gut planen und Reize meiden, wo es geht: Input durch Informationen reduzieren, handyfreie Phasen am Tag einrichten. Ist die Überflutung schon da, bewusst ein- und ausatmen, innehalten und über die eigene Körperberührung den Körper spüren.

Tiedt: Achtsamkeit und die damit verbundene Stärkung der Sinne trägt zu unserer Erholung bei. Stille finden, meditieren, im Wald spazieren gehen, entschleunigen, barfuß laufen, innehalten und nachspüren, tiefe Bauchatmung sind nur einige Beispiele.

Wolters: Reizüberflutung lässt sich meines Erachtens nur durch tatsächliche Reduktion oder bewusstes „Ausblenden“ und durch Fokussierung auf Wesentliches, Weniges erreichen, durch Besinnung und Stille.

 

Wie trainieren Sie Ihre Sinne?

Buchwald: Sinne brauchen kein Training, sie brauchen eher Pausen und bewusstes Sein: Beim Spaziergang das gemähte Gras riechen, beim Spülen das warme Wasser an den Händen spüren, den Lieblingsmenschen mit warmen, weichen Augen anschauen, einen Vogel im Baum zwitschern hören.

Tiedt: Ich versuche, auf Multitasking zu verzichten, und meditiere täglich. Wenn ich meine Katze streichle, dann streichle ich nur meine Katze. Wenn ich einem Menschen in die Augen schaue, nehme ich das ganze Universum in seinem Blick wahr.

Wolters: In den achtsamen, meditativen Budo-Übungen werden vor allem der Tast- und Gleichgewichtssinn trainiert. Budo lehrt, sich hier und jetzt ganz und gar bewusst wahrzunehmen. Das erlebnisintensive Spüren über alle Sinne ist der Schlüssel dazu. 

 


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 121: „Mit allen Sinnen"

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Ela Buchwald, Traumatherapeutin, Coach und Autorin. Sie ist spezialisiert auf das Thema „Entspannte Sexualität“ und leitet zusammen mit ihrem Mann Retreats für Paare. www.einfach-liebe.de

Susan Tiedt, Ergotherapeutin, Personal Coachin, Buddhistische Therapeutin, selbstständig in eigener Praxis „Sentio“ (steht für Sentio ergo sum = Ich fühle, also bin ich) in Schwerin.

Dr. phil. Jörg-M. Wolters, Pädagoge, Therapeut und Budo-Lehrmeister (7. DAN), leitet berufsqualifizierende Ausbildungen zum/zur Budopädagog*in und Budotherapeut*in und arbeitet v. a. körperpsychotherapeutisch in Psychiatrie, Psychosomatik und Sozialtherapie. 

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Redaktion Ursache\Wirkung

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