Leben

Jesse Reiho Haasch, ein amerikanischer Zen-Mönch aus der Schweiz, lebt in einem Tempel in Japan. Jesse Haasch wurde 1973 in Wisconsin, USA, geboren, und hat sich schon als Teenager für verschiedene spirituelle Wege interessiert. 

Dabei stieß er auch auf ein Buch über Zen, das die Zazenhaltung beschrieb. Nach einer halben Stunde saß er schon auf dem Bett in der Zazenhaltung und wusste innerhalb der ersten paar Atemzüge: „Das ist es!“ Es sei etwas Vertrautes gewesen, wie nach Hause zu kommen, gleichzeitig mit einem Gefühl einer Größe und Freiheit, die er noch nie erlebt habe. Anschließend saß er täglich, zuerst allein zu Hause bei der Familie, später in einem Studentenzimmer an der Universität in New Orleans.

Eines Tages, als er etwa 19 Jahre alt war, zeigte ihm seine Freundin einen Flyer des Zen-Tempels in New Orleans. Er ging dorthin und besuchte eine Einführung. Die Erfahrung eröffnete ihm eine neue Dimension der Praxis, und bald darauf zog er im Tempel ein. Er praktizierte anschließend fünf Jahre dort und wurde 1996 vom Meister Robert Reibin Livingston, einem alten Schüler von Meister Deshimaru, zum Mönch ordiniert. „Ich bin froh, mit Robert Livingston angefangen zu haben. Er hat kaum über Zen-Texte unterrichtet, aber war unheimlich stark in den Grundlagen der Zen-Praxis: die Haltung, die Atmung, die Konzentration im Hier und Jetzt und ‚Mushotoku‘, ‚Praxis ohne Absicht, ohne ein persönliches Ziel‘. Das war für ihn alles.“

1996 kam Reiho zum ersten Mal in den Haupttempel La Gendronniere in Frankreich. Das sei eine nachhaltige Erfahrung gewesen: eine so große und diverse Sangha und so viele so unterschiedliche Meister! Im Zen-Tempel in Frankreich lernte er eine Schweizerin kennen und zog bald von New Orleans nach Zürich. Dort praktizierte er mit Michel Missen Bovay, einem anderen nahen Schüler von Meister Deshimaru, zehn Jahre bis zu dessen Tod im Jahr 2009. „Was ich an Michel Bovay sehr schätzte, war die Tiefe und Breite seiner Unterweisung und sein ansteckender Enthusiasmus für den Weg. Es gab auch eine große und sehr dynamische Sangha, sodass die alltägliche Praxis in Zürich zu einem wahren spirituellen Abenteuer wurde. Jahre, die ich nie vergessen werde.“

Auf nach Japan

Bereits 1995 war Reiho zum ersten Mal in Japan, als er seinen amerikanischen Meister Robert Livingston begleiten durfte. 2007 ging er ein zweites Mal mit der Schweizer Sangha von Michel Bovay nach Japan. Nach dem Tod von Michel Bovay konnte Reiho 2010 eine intensive dreimonatige Praxisperiode in Shogoji machen, einem alten Tempel in den Bergen im Süden von Japan. Es war eine sehr tiefe Erfahrung, und dort wurde ihm klar, dass er diese Praxis fortsetzen wollte.

Zurück in Europa, war er zuerst etwas hin- und hergerissen zwischen der traditionellen Praxis in einem Tempel in Japan und seinem Leben in Zürich, mit Arbeit, Beziehung und der Praxis in der Mushin Zen Gruppe in Zürich, die er in der Zwischenzeit mit Zen-Mönchen der ehemaligen Sangha von Michel Bovay aufgebaut hatte. In den folgenden Jahren ging er jedes Jahr für ein weiteres dreimonatiges Ango nach Japan, bis er schließlich 2014 den Entschluss fasste, definitiv nach Japan zu ziehen. Er folgte seinem Meister Saito Roshi zuerst in den Tempel Zuioji, dann zum Eiheiji-Tempel und schließlich zum Kotaiji-Tempel in Nagasaki.

Japan

Kotaiji-Tempel

In Japan gibt es drei Arten von Tempeln: Die beiden Haupttempel Eiheiji und Sojiji, die heute auch Ausbildungstempel sind, dazu etwa 27 regionale Ausbildungstempel. Dann gibt es rund 15.000 „normale“ Tempel, die sich in der Regel um eine religiöse Gemeinde, „Danka“, kümmern.

Kotaiji ist einerseits einer der 27 Ausbildungstempel und andererseits auch einer der 15.000 normalen Tempel mit einer Danka. Dies bedeutet, der Tempel bildet einerseits zukünftige Äbte von Tempeln aus und macht andererseits diverse Zeremonien und Seelsorge für die lokale Gemeinde. Von dieser erhält der Tempel auch „Fuse“, finanzielle Unterstützung, um den Unterhalt für den Tempel und die Mönche zu bezahlen. Der Tempel Kotaiji ist relativ klein: Neben den etwa neun Mönchen mit festen Aufgaben gibt es je nach Jahr fünf bis zehn „Angoshas“, das heißt Mönche, die ihre in der Regel einjährige Ausbildung zum Abt eines Familientempels dort absolvieren.

Nachdem Reiho hier 2017 selbst ein Ango absolviert hatte, wurde er einer der Verantwortlichen. Konkret wurde er Sekretär seines Meisters und Ansprechperson sowie Übersetzer für ausländische Mönche. Kotaiji ist einer der wenigen japanischen Tempel, in dem auch Ausländer ein Ango machen können.

Wie praktiziert man in einem japanischen Zen-Tempel?

Ein typischer Tagesablauf in Kotaiji sieht folgendermaßen aus: aufstehen um 4.00 Uhr, 4.30 Uhr eine Periode Zazen, 5.30 Uhr Morgenzeremonie, 6.30 Uhr Essen, 7.30 Uhr Putz-Samu, 8.30 informeller Tee/Kaffee. Ab 9.00 Uhr gibt es dann etwas Variation: Zeremonien für die Danka im Tempel oder in den Häusern von Mitgliedern der Danka. Manchmal finden pro Tag etwa zwanzig solcher Zeremonien statt, zwei oder drei Zeremonien im Tempel oder einige Mönche fahren auf ihren Scootern zu Mitgliedern der Gemeinschaft und führen dort Zeremonien durch. Wenn es einmal keine solche Zeremonien gibt, dann machen alle Samu, Arbeit zur Aufrechterhaltung des Tempels: Kochen, Putzen, Übersetzen. Um 11.00 Uhr ist die Mittagszeremonie und um 11.30 Uhr das Mittagessen. Anschließend hat jeder etwas Zeit für ein sogenanntes persönliches Studium – das entspricht in Europa einer „Siesta“. Ab 13.30 Uhr gibt es wieder Samu oder Zeremonien für die Danka im Tempel und extern. Um 16.00 Uhr ist die Abendzeremonie und um 17.00 Uhr das Abendessen. Anschließend folgt etwas unstrukturierte Zeit (Bad, Lesen oder Wäsche machen). Bis 21.00 Uhr gibt es wieder eine oder zwei Perioden Zazen. Etwa um 22.00 Uhr ist dann Lichterlöschen.

Das Leben in der Gemeinschaft

Der Kotaiji-Tempel hat zwei Meister: den Abt Hokan Saito Roshi, den Meister von Reiho, und den Verantwortlichen für die Unterweisung, den Godo Giho Munakata Roshi. Diese zwei Menschen sind bedeutsam dafür, dass Reiho sehr froh ist, dort zu sein. Saito Roshi inspiriere ihn durch seine volle Hingabe für die Lehre von Dogen, seinen tiefen Glauben an den Weg des Mönchs und seine Demut – selbst als Abt sei er im Herzen und Handeln immer noch wie ein einfacher Mönch. Der zweite Meister Kotaijis, Munakata Roshi, unterweise vor allem durch sein Tun: Er sage nicht sehr viel, lache dafür umso mehr und sei für Reiho einer der glücklichsten Menschen, den er kenne: „Er hat immer ein Lächeln im Gesicht und macht mit seinen 72 Jahren immer noch am meisten Samu von uns allen.“


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 118: „Zufriedenheit"

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Neben den beiden Meistern gibt es sieben weitere „Lehrer“, er inklusive. Sie übernehmen verschiedene Aufgaben. Sie stellen den Tenzo, den Koch, übernehmen die Ausbildung der Angoshas, erledigen Büroarbeit und Übersetzungen und betreuen die Danka. Schließlich gibt es noch die Angoshas, die Mönche in Ausbildung.

Das Leben in einem Zen-Tempel hat auch seine schwierigen Seiten, sagt Reiho: „Ruhezeit ist im Tagesablauf eingebaut, aber einen wirklich freien Tag gibt es nie. Gerne würde ich mich auch freier außerhalb des Tempelgeländes bewegen können. Wie überall gibt es auch in einem Zen-Tempel Leute, die man gerne hat, und Leute, die man weniger mag. Das ist gut so. So kann man üben, über seine Zu- und Abneigungen hinauszugehen. Aber es ist manchmal echt anstrengend. Umso mehr, weil man ständig auf engem Raum zusammenlebt und sehr wenig Privatsphäre hat.“

Und was bringt die Zukunft?

Reiho ist mittlerweile sieben Jahre in Japan, und es ist, wie er selbst sagt, auf die eine oder andere Art auch bequem. Wenn man sich erst einmal eingerichtet hat, vielleicht sogar zu bequem. Er meint darum, dass das Leben hier im Tempel in Japan nicht auf Dauer das sei, wonach er suche. Er erzählt, wie er in den letzten Jahren auch einige Male zu verschiedenen Gelegenheiten in Europa war: für Sitzungen, Zeremonien, Ausbildungs-Sessionen und um ein Sesshin in der Schweiz zu leiten. Diese Besuche und Sesshins sind es dann auch, die Reiho wirklich berühren: „Ich bin am glücklichsten, wenn ich mit der Deshimaru-Sangha in Europa an einem Sesshin sitze. Es bereitet mir am meisten Freude, wenn ich mit anderen etwas teilen kann. Mir ist von diesen wirklich tollen Meistern wie Robert Livingston, Michel Bovay und den Meistern hier in Japan etwas gegeben worden, das ich gerne weitergeben möchte.“

Den Artikel in voller Länge finden Sie hier.

Wir bedanken uns beim Mushin Zen Dojo Zürich für die Abdruckgenehmigung.

Bild Teaser & Header © Pixabay

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