Leben

Im Leben gibt es viel zu tun. Die Sinne können zur Ablenkung beitragen oder auch genutzt werden, um im Hier und Jetz anzukommen.

Wach sein und mit offenen Sinnen den Augenblick genießen – das klingt einfach. Doch in einer Welt, in der im Minutentakt Nachrichten auf dem Handy eingehen, Werbung allgegenwärtig ist und sogar in der Freizeit ein Termin dem anderen folgt, werden die Sinne überflutet und kommen nicht zur Ruhe.

Die Sinneseindrücke können uns aus dem Hier und Jetzt katapultieren, uns betäuben, und manchmal schläfern sie uns ein – als wären wir in einem Kokon, der aus unseren alltäglichen Gewohnheitsmustern wie stundenlangem abendlichem Fernsehen oder Betäubung durch Alkohol entsteht.

Wenn wir in die Stille gehen und meditieren, kommen unsere Sinne zur Ruhe.

So spinnen wir uns immer wieder ein, damit uns bloß nichts zu nahe kommt, uns berühren kann oder uns verletzt. Die Sinneswahrnehmungen können uns aber auch aufwecken, wenn wir aufmerksam sind, zum Beispiel für ein munteres Vogelgezwitscher am frühen Morgen. Oder durch eine Art Schock: Wir sehen im letzten Moment die rote Ampel oder hören, wie uns jemand anschreit, weil wir ganz in Gedanken waren.

Das Ohr ist von allen Sinnesorganen das erste, das sich bei einem menschlichen Embryo entwickelt. Der Herzschlag der Mutter begleitet das Baby im Mutterleib von Beginn an. Deshalb wirkt auch der Rhythmus der Musik auf den Menschen beruhigend und gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Gleich nach der Geburt wird als Erstes der Geruchssinn aktiviert. Das Neugeborene riecht die Brust der Mutter und findet so den Weg zur Nahrung. Daher sagt man auch, dass der Geruchssinn der älteste Sinn der Menschen sei.

Sinne

Menschen, denen ein Sinn fehlt, etwa Blinde oder Gehörlose, können bestätigen, dass alle anderen Sinne stärker ausgeprägt sind. Wer für eine Zeit mit verbundenen Augen unterwegs ist, kann nach kurzer Unsicherheit wahrnehmen, wie er mehr mit dem Tastsinn arbeitet und das Hören und Riechen dominanter werden und Orientierung und Sicherheit geben.

Nach der buddhistischen Philosophie gibt es sechs Sinnesorgane: die bekannten fünf, also Augen, Ohren, Nase, Zunge, Tastsinn (Spüren), plus das Denkorgan. Den Geist, manchmal auch als Bewusstsein bezeichnet, nehmen wir häufig nur durch die Gedanken wahr, die ununterbrochen kommen und gehen.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 121: „Mit allen Sinnen"

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Aus buddhistischer Sicht entsteht Leiden, wenn die Sinneswahrnehmungen mit Unwissenheit oder Verblendung vermischt sind. Dann nimmt man die Welt mit ihren Phänomenen wie Farben, Formen, Tönen oder Gerüchen nicht so wahr, wie sie wirklich ist.

Die Geistesgifte halten den ewigen Kreislauf des Leidens, im Buddhismus Samsara genannt, fortwährend in Gang. Warum kleben wir so an den Sinnesobjekten? Warum können wir nicht davon ablassen? Wir wollen permanent etwas anderes, eine andere Wirklichkeit. Wir sind unruhig und ständig getrieben. Im Buddhismus wie auch in anderen Weisheitstraditionen sind die Sinneswahrnehmungen sehr wichtig, manchmal sogar heilig. Die Sinne sind die Tore zur Befreiung.

Im Daoismus etwa werden Erkenntnis und wirkliches Wissen dadurch erlangt, dass man die Natur und den Kosmos achtsam und aufmerksam beobachtet, um eine direkte und unmittelbare Erfahrung machen zu können. Über das Spüren kann man in das intuitive Gewahrwerden kommen und den Verstand überschreiten. Daher ist das Spüren, im Chinesischen ting jing, ein wichtiges Prinzip in der Qigong- und Tai-Chi-Praxis.

„Wir sind ständig dabei zu sehen: durch Linsen, Teleskope, Bildröhren […]. Unser Sehen wird jeden Tag weiter perfektioniert – und doch sehen wir immer weniger. Nie ist es dringlicher gewesen, über das Sehen zu sprechen […], wir sind Betrachter, Zuschauer […] wir sind ‚Subjekte‘, die ‚Objekte‘ anschauen. Schnell kleben wir auf alles ein Etikett – ein Etikett, das dann ein für alle Mal kleben bleibt. Mithilfe dieser Etikette erkennen wir alles wieder, aber wir sehen nichts mehr.“ So beschreibt es Frederick Franck im Buch „Zen in der Kunst des Sehens“.

Die Sinne sind die Tore zur Befreiung.

Wenn wir in die Stille gehen und meditieren, kommen unsere Sinne zur Ruhe und können sich wieder entspannen und heilen. Daher sollte man von Zeit zu Zeit eine kleine oder auch längere Auszeit nehmen, einfach da sein und sich dem Nichtstun widmen. Kehren wir dann wieder in den Alltag zurück, können wir uns entscheiden, ob wir uns von den Sinneswahrnehmungen abschirmen oder ob wir uns für uns selbst und die Welt beziehungsweise die unmittelbare Umgebung öffnen wollen.

Wir können der Welt unsere Sinne schenken, indem wir jemandem aufmerksam zuhören, genau hinschauen und den Blick nicht abwenden von dem, was gerade mit den Menschen und unserer Umwelt passiert. Wir können Worte sprechen, die andere Menschen darin unterstützen, zu wachsen und in ihre Kraft zu kommen. Diese Welt braucht uns mit all ihren Sinnen, achtsam, mitfühlend und offen.

Spüren, hören, schauen

  1. Setz dich bequem auf einen Stuhl. Die Füße stehen parallel zueinander auf dem Boden, die Hände liegen entspannt auf den Oberschenkeln oder Knien.
  2. Wir starten mit dem Spüren: wie der rechte Fuß Kontakt zum Boden hat, dann hoch zum rechten Unterschenkel, Oberschenkel. Wir spüren die rechte Hand, den Unterarm, Ellenbogen, Oberarm und wandern durch den Oberkörper zur linken Seite. Wir nehmen die Schultern wahr, den linken Oberarm, Ellenbogen, Unterarm, die linke Hand, den Kontakt zum linken Oberschenkel, Unterschenkel, Fuß. Nun beide Beine und Arme gleichzeitig spüren.
  3. Dann das Spüren loslassen und nur hören: Geräusche, Töne, Stille.
  4. Dann das Hören loslassen und nur schauen: im Schauen den Blick umherschweifen lassen. Der Blick ist neugierig wie der eines Kindes.
  5. Nun verbinden wir das Spüren mit dem Hören: im Körper sein, Empfindungen im Körper wahrnehmen, außerdem gleichzeitig Geräusche und Klänge hören.
  6. Zuletzt verbinden wir das Schauen mit dem Spüren und Hören: Wir schauen wie ein wissbegieriges Kind, das Dinge zum ersten Mal wahrnimmt. Indem wir alle drei Sinne wieder achtsam verbinden, schaffen wir ein Bewusstsein für den Moment und das, was jetzt geschieht.

 

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Dennis Engel

Dennis Engel

Seit 2005 praktizierender und engagierte Buddhist. 2011 ausgebildet als Kommunikationstrainer. 2015 weitergebildet zum Meditationscoach. 2015-2016 Ausbildung zum Qi Gong Kursleiter absolviert. Durch meine langjährige Erfahrung als Trainer im Mobilfunkbereich, Teilnahme und auch Organisation von Ach...
Kommentare  
# Rischi 2024-02-19 10:54
Ein faszinierender Artikel, der tief in die Bedeutung unserer Sinne eintaucht und ihre Rolle bei der Wahrnehmung des Lebens beleuchtet. Die Beschreibung, wie Sinneswahrnehmungen uns sowohl betäuben als auch aufwecken können, ist äußerst treffend. Es ist wahr, dass wir oft in unseren Gewohnheiten und Ablenkungen gefangen sind, und diese Reflexion darüber, wie wir unsere Sinne nutzen, um die Realität zu filtern, ist äußerst relevant.

Besonders interessant fand ich die Erwähnung der buddhistischen Perspektive auf die Sinneswahrnehmungen und ihre Rolle bei der Entstehung von Leiden. Die Idee, dass unsere Anhaftung an Sinnesobjekte uns in einem fortwährenden Kreislauf des Leidens gefangen hält, regt zum Nachdenken an. Es ist eine Erinnerung daran, wie wichtig es ist, achtsam mit unseren Sinneswahrnehmungen umzugehen und nicht von ihnen beherrscht zu werden.

Die vorgestellten Übungen zur Achtsamkeit sind äußerst hilfreich, um wieder eine Verbindung zu unseren Sinnen und zum gegenwärtigen Moment herzustellen. Besonders beeindruckend fand ich die Anleitung, wie man das Spüren, Hören und Sehen miteinander verbinden kann, um ein umfassendes Bewusstsein für den Moment zu schaffen. Diese Praxis kann uns helfen, aus unserem Kokon der Gewohnheiten auszubrechen und die Schönheit des Lebens in ihrer ganzen Fülle zu erfahren.

Insgesamt ist dieser Artikel eine wertvolle Erinnerung daran, wie wichtig es ist, sich bewusst zu werden, wie wir unsere Sinne nutzen, und wie wir durch Achtsamkeit eine tiefere Verbindung zum Leben herstellen können. Vielen Dank an den Autor für diese inspirierenden Gedanken und die praktischen Übungen zur Umsetzung im Alltag.
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# Iisa S 2024-02-19 10:54
Dieser Artikel trifft den Nagel auf den Kopf! In unserer hektischen Welt vergessen wir oft, wie wichtig es ist, achtsam mit unseren Sinnen umzugehen. Die beschriebenen Übungen sind eine wunderbare Möglichkeit, wieder ins Hier und Jetzt zu kommen. Vielen Dank für diese inspirierenden Zeilen!
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