Leben

Das Ohr ist nicht nur äußerst empfindsam, sondern auch ein Ortungssystem und Hochleistungssensor.

Das Hören ist mehr als nur ein Sinn. Er ist höchst präzise, ein wahres Allroundtalent und ein solides Ortungssystem zugleich. Es ist auch der erste Sinn, der sich beim Fötus ausbildet. Schon wenige Tage nach der Befruchtung beginnt der winzige Fötus Ohransätze zu bilden. Noch bevor sich andere Organe oder Sinne im Mutterleib entwickeln, können wir hören.

Das Ohr gleicht einem Hochleistungssensor, der zeitlich genau und hoch empfindsam ist. An kaum einer anderen Stelle im Organismus werden solche Spitzenleistungen erreicht. Der Hörsinn ist dabei so komplex, dass die Forschung noch lange nicht so weit ist, alle Prozesse erklären zu können.

Anders als beim Sehen kann man das Hören nicht einfach unterbinden.

Vielleicht wird an dieser Stelle schon deutlich, wie außergewöhnlich wichtig dieser Sinn ist. Der feine und allgegenwärtige Gehörsinn lässt uns in einem Radius von 360 Grad hören. Und sogar, wenn wir schlafen, hören wir. Ein lautes oder ungewöhnliches Geräusch lässt uns unverzüglich reagieren. Für diese enorme Leistung ist im Gehirn ein besonders großes Areal zuständig, das auditive Impulse verarbeitet. Das Ohr arbeitet um ein Vielfaches genauer als das Auge. Wie genau, darüber ist sich die Wissenschaft noch nicht einig, jedoch schätzt man beim Ohr eine über 1.000-mal genauere Differenzierung als beim Auge. In Anbetracht dieser immensen Leistung ist es verwunderlich, wie wenig Beachtung dem Hören im Alltag geschenkt wird.

Ohr

Welche Bedeutung hat das Hören heute für uns? Wie ist ein bewusster Zugang zum Gehörten möglich? Das Ohr ist ein empfangendes Organ, und das Gehörte dringt tief in uns ein. Anders als beim Sehen kann man das Hören nicht einfach unterbinden. Wir müssen uns mit dem Gehörten ganz anders auseinandersetzen, insbesondere weil der Gehörsinn viel wesentlicher mit dem Wohlbefinden verknüpft ist. Eine unschöne Fassade vor dem Fenster wird unsere Befindlichkeit nicht so sehr beeinflussen wie starker Lärm.

Zu viel akustische Information kann Stress auslösen.

Das Gehirn ist, was akustische Reize betrifft, ein Dauerkonsument. Es versucht ununterbrochen, alle Informationen zu entschlüsseln. Dieser Akt erfordert eine unglaublich hohe Rechenleistung. So ist es nicht verwunderlich, dass Menschen mit Stress, Gereiztheit, Unbehagen oder Nervosität reagieren, wenn der Lärm extrem laut ist oder über einen längeren Zeitraum hinweg andauert. Das gilt übrigens für Mensch und Tier gleichermaßen. Ist das Gehirn mit der Aufarbeitung akustischer Informationen überfordert, kann dies schnell zu Stresssymptomen und Müdigkeit führen, das Stresshormon Adrenalin wird vermehrt ausgeschüttet.

Es lohnt sind also, achtsam mit dem feinsten aller Sinne umzugehen. Am besten lassen sich übrigens natürliche Klänge vom Ohr verarbeiten. Positive Hörerlebnisse, wie sie beispielsweise in der Natur erfahren werden, entspannen und beruhigen das Nervensystem und sorgen für die Ausschüttung des Glückshormons Endorphin.

Achtsamkeitsübungen für mehr Hörgenuss

Achtsames Hören:

Suche einen Ort in der Natur auf, ein kleiner Park genügt durchaus. Du kannst im Liegen, Sitzen oder beim langsamen Gehen üben. Lasse deine Augen bewusst geöffnet und lege gleichzeitig deine volle Aufmerksamkeit auf das Hören. Spüre, wie die Gesänge der Vögel, das Rauschen der Blätter oder andere Geräusche sanft auf dich einwirken. Sei so aufmerksam wie bei einem Konzert, als würden die Blätter der Bäume nur für dich rascheln. Auch deine Augen werden sich entspannen, da sie für einen Moment in den Hintergrund treten. Lenke deine Aufmerksamkeit mit jedem Atemzug mehr auf das sanfte Empfangen der Klänge.

Tipp: Wenn sich andere Menschen im Park befinden und sprechen, dann versuche, die Frequenz ihrer Stimmen wahrzunehmen, anstatt ihre Worte. Lenke deine Aufmerksamkeit auf das Hören, nicht auf das Denken. 

Urteilsfrei zuhören:

- Diese Übung verbindet das achtsame Hören mit einer urteilsfreien inneren Haltung. Versuche ein Gespräch lang, nicht über das zu urteilen, was du hörst. Nimm das Gehörte ohne Urteil an, wie es ist. Urteilsfrei zu hören bedeutet auch, dass du dir keine Meinungen bildest oder Antworten im Inneren überlegst. Spüre, wie sich dadurch immer mehr Leichtigkeit in dir einstellt.

- Dyade – eine fortgeschrittene Variante zu zweit: Erzähle deinem Gegenüber für jeweils sieben Minuten, was dich gerade beschäftigt. Der andere hört urteilsfrei zu, ohne zu unterbrechen. Er gibt keinen Ton, keine Reaktion von sich und nickt auch nicht. Die andere Person hört einfach nur zu und hat die Zeit im Blick. Danach wird gewechselt, und du nimmst die Rolle als zuhörende Person ein.

 

Auch unsere Beziehungen werden verbessert, wenn wir öfter mal ganz Ohr sind und einander bewusst zuhören.

Die Tiefe und Sanftheit, die ein solches Hörerlebnis mit sich bringt, kann jeder erfahren, der sich ganz bewusst auf das Hören einlässt. Wer sich den Klängen der Natur hingibt, auf seine innere Stimme lauscht oder achtsam zuhört, kann in diesem Moment tiefere Erfahrungen machen.

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Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 121: „Mit allen Sinnen"

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Mascha Veitsman

Mascha Veitsman

Mascha Veitsman ist Autorin, kahiryanur- Yoga-Lehrerin sowie Klangtherapeutin. Sie hat Philosophie und Indologie studiert. Heute bietet sie Yoga-Seminare an, die eine ganzheitliche Sichtweise auf das Leben vermitteln. www.mascha-veitsman.de
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